Wenn sich Atome zu nahe kommen

Neues aus der Forschung

Meldung vom 17.12.2018

„Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“ - dieses Faust’sche Streben ist durch die Rasterkraftmikroskopie möglich geworden. Bei dieser Mikroskopiemethode wird eine Oberfläche durch mechanisches Abtasten abgebildet. Der Abtastsensor besteht aus einem Federbalken mit einer atomar scharfen Spitze. Der Federbalken wird in eine Schwingung mit konstanter Amplitude versetzt und Frequenzänderungen der Schwingung erlauben es, kleinste Kräfte im Piko-Newtonbereich zu messen. Ein Newton beträgt zum Beispiel die Gewichtskraft einer Tafel Schokolade, und ein Piko-Newton ist ein Millionstel eines Millionstels eines Newtons.


181219-2106_medium.jpg
 
Atomar aufgelöstes Bild des Übergangs einer Atomlage des Edelgases Xenon (links) benachbart von einer Atomlage Argon (rechts).
John E. Sader, Barry D. Hughes, Ferdinand Huber und Franz J. Giessibl
Interatomic force laws that evade dynamic measurement
Nature Nanotechnology 13, 1088 (2018)
DOI: 10.1038/s41565-018-0277-x


Da die Kräfte nicht direkt gemessen werden können, sondern durch die sogenannte Kraftspektroskopie über den Umweg einer Frequenzverschiebung bestimmt werden, ist ein Algorithmus zur Umrechnung nötig. Dazu wurden bisher zwei verschiedene Algorithmen eingesetzt, das 2001 von Giessibl vorgeschlagene Matrixverfahren und die 2004 von John Sader und Suzie Jarvis eingeführte Sader-Jarvis Methode.

Ferdinand Huber, Doktorand am Lehrstuhl Giessibl an der Fakultät für Physik der Universität Regensburg, hat nun die Kräfte zwischen Atomen nicht nur in einem Abstand gemessen, wo sich die Atome noch anziehen sondern auch bei kleinsten Abständen, wo erhebliche Abstoßungskräfte wirken. Dabei machte er eine überraschende Entdeckung: die beiden Verfahren (Matrix- und Sader-Jarvismethode) ergaben gravierende Unterschiede in den ermittelten Kräften.

In der im Dezemberheft der Zeitschrift Nature Nanotechnology erschienenen Publikation beschreiben die Autoren den Grund für diese Diskrepanz und weisen zugleich einen Ausweg aus dieser Misere. Die Rückrechnung der Kräfte aus der Frequenzverschiebung ist ein aus der Mathematik wohl bekanntes inverses Problem. Inverse Probleme können aber, abhängig von den Randbedingungen, „schlecht gestellt“ und damit unlösbar sein. In der obigen Publikation wurde aufgezeigt, dass das Problem der Inversion in einem bestimmten Bereich der Schwingungsamplitude schlecht gestellt ist. Die Lösung besteht nun darin, die Schwingungsamplitude entweder kleiner als einen bestimmten Wert (z. B. einem halben Atomdurchmesser) oder größer als einen bestimmten Wert (z. B. von zwei Atomdurchmessern, abhängig jeweils vom exakten Kraftverlauf) zu wählen. Die neuen Ergebnisse erlauben also, mit höchster Präzision die chemischen Bindungskräfte zu messen, die die Welt zusammen halten.


Diese Newsmeldung wurde erstellt mit Materialien von idw-online


News der letzten 2 Wochen


Meldung vom 17.01.2019

Wie Moleküle im Laserfeld wippen

Wenn Moleküle mit dem oszillierenden Feld eines Lasers wechselwirken, wird ein unmittelbarer, zeitabhängiger ...

Meldung vom 16.01.2019

Fliegende optische Katzen für die Quantenkommunikation

Gleichzeitig tot und lebendig? Max-Planck-Forscher realisieren im Labor Erwin Schrödingers paradoxes Gedanken ...

Meldung vom 15.01.2019

Kieler Physiker entdecken neuen Effekt bei der Wechselwirkung von Plasmen mit Festkörpern

Plasmen finden sich im Inneren von Sternen, werden aber auch in speziellen Anlagen im Labor künstlich erzeugt ...

Meldung vom 14.01.2019

Vermessung von fünf Weltraum-Blitzen

Ein am PSI entwickelter Detektor namens POLAR hat vom Weltall aus Daten gesammelt. Im September 2016 war das G ...

Meldung vom 14.01.2019

Mit Satelliten den Eisverlust von Gletschern messen

Geographen der FAU untersuchen Gletscher Südamerikas so genau wie nie zuvor.

Meldung vom 14.01.2019

5000 mal schneller als ein Computer

Ein atomarer Gleichrichter für Licht erzeugt einen gerichteten elektrischen Strom. Wenn Licht in einem Halble ...

Meldung vom 14.01.2019

Isolatoren mit leitenden Rändern verstehen

Isolatoren, die an ihren Rändern leitfähig sind, versprechen interessante technische Anwendungen. Doch bishe ...

Meldung vom 10.01.2019

Ionenstrahlzerstäuben - Abscheidung dünner Schichten mit maßgeschneiderten Eigenschaften

Dünne Schichten mit Schichtdicken im Bereich weniger Nanometer spielen eine zentrale Rolle in vielen technolo ...

Meldung vom 10.01.2019

Wie Gletscher gleiten

Der Jülicher Physiker Bo Persson hat eine Theorie zum Gleiten von Gletschereis auf felsigem Boden vorgestellt ...

Meldung vom 08.01.2019

Neue Einblicke in die Sternenkinderstube im Orionnebel

Team unter Kölner Beteiligung zeigt: Winde eines jungen Sternes verhindern die Bildung neuer Sterne in der Na ...

Meldung vom 08.01.2019

Dissonanzen in der Quantenschwingung

Neuartige Quanteninterferenz in atomar dünnen Halbleitern entdeckt.

Meldung vom 07.01.2019

Photovoltaik-Trend Tandemsolarzellen: Wirkungsgradrekord für Mehrfachsolarzelle auf Siliciumbasis

Siliciumsolarzellen dominieren heute den Photovoltaikmarkt aber die Technologie nähert sich dem theoretisch m ...

Meldung vom 07.01.2019

Forscher erzeugen Hybridsystem mit verschiedenen Quantenbit-Arten

Einem japanisch-deutschen Forschungsteam ist es erstmals gelungen, Informationen zwischen verschiedenen Arten ...

Meldung vom 21.12.2018

Mit Quanten-Tricks die Rätsel topologischer Materialien lösen

„Topologische Materialen“ sind technisch hochinteressant, aber schwer zu messen. Mit einem Trick der TU Wi ...

Meldung vom 21.12.2018

Moleküle aus mehreren Blickwinkeln

Lasergetriebene Röntgen-Laborquellen liefern neue Einsichten - Forscher am MBI haben erfolgreich Absorptionss ...

Meldung vom 21.12.2018

Beschreibung rotierender Moleküle leicht gemacht

Interdisziplinäres Wissenschaftlerteam entwickelt neue numerische Technik zur Beschreibung von Molekülen in ...



19.12.2018:
Tanz mit dem Feind
11.12.2018:
Die Kraft des Vakuums
30.11.2018:
Von der Natur lernen
24.11.2018:
Kosmische Schlange


11.05.2018:
Vorsicht, Glatteis!

Newsletter

Neues aus der Forschung