Julius Hatry

Julius Hatry

Julius „Uss“ Hatry (* 30. Dezember 1906 in Mannheim; † 7. November 2000 ebenda) war ein deutscher Flugzeugingenieur, Raketenpionier und Filmemacher. Er konstruierte die RAK.1, mit der Fritz von Opel am 30. September 1929 den ersten öffentlichen Flug mit Feststoffraketen durchführte.

Leben

Bereits 1922 wurde Julius Hatry, Spitzname: „Uss“, Mitglied des Mannheimer Fliegerclubs und kam dadurch auch in Kontakt zu den ersten Rhön-Wettbewerben. 1927 machte er das Abitur nach und bestand die Segelflieger-C-Prüfung. Sein Schein mit der Nr. 409 war der erste in Baden. Er begann ein Ingenieursstudium an der TH München und war in Rossitten (Ostpreußen) als Fluglehrer tätig, wo er auch erstmals große Flugzeugmodelle konstruierte.

1927/28 war Hatry unter August Kupper maßgeblich beteiligt an der Konstruktion der Mü 3 „Kakadu“, dem damals größten Segelflugzeug. 1928 nahm Hatry dann mit dem Doppelsitzer Mannheim erstmals selbst an einem Rhön-Wettbewerb teil. In der Luftfahrtszene hatte er Alexander Lippisch und Oskar Ursinus kennengelernt und erhielt daher den Auftrag eine Zelle für einen Motorsegler zu konstruieren. Allerdings bestand der Motor nicht die Typenprüfung.

Opel-Sander RAK.1

Danach entwickelte er die Wasserratte, ein Wassersegelflugzeug mit bootsähnlichem Rumpf und hochgezogenem Leitwerk, mit der er beim „Preisfliegen Rossitten 1928/1929“ im Rahmen des technischen Wettbewerbs 1200 Reichsmark ausgezeichnet wurde. Zwischenzeitlich hatte Lippisch 1928 die ersten Raketenflugmodellversuche durchgeführt. Hatry wertete die Flugkurven monatelang mathematisch aus und konnte physikalische Zusammenhänge zwischen Schubachse, Schwerpunkt und den Flugkurven nachweisen. Nach diesen Vorarbeiten regte Lippisch die Konstruktion des bemannten Raketenflugzeugs RAK.1 an. Im Juni 1929 begann Hatry mit dem Bau. Die finanziellen Mittel stellte der Industrielle Fritz von Opel zur Verfügung. Am 17. September 1929 war der Prototyp fertig und Hatry konnte mit dem Flugzeug, angetrieben von drei Feststoffraketen, die 350 Kilopond Schub und vier Sekunden Brenndauer hatten, mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h etwa 350 Meter in 10 Metern Höhe zurücklegen. Von Opel lud daraufhin zum 30. September die Presse zu einer öffentlichen Präsentation in Frankfurt-Rebstock ein, bei der er die RAK.1 selbst flog. Heimlich hatte er zuvor den Namen auf dem Leitwerk Hatry Flugzeug mit Opel-Sander RAK.1 übermalen lassen. Hatry protestierte zwar, konnte aber gegen seinen Geldgeber nichts ausrichten. Von Opel konnte bei diesem Flug etwa zwei Kilometer in 80 Sekunden zurücklegen. Auch danach arbeitete Hatry weiterhin an der Konstruktion neuer Typen. Die RAK.2 kam allerdings nicht über einen Entwurf hinaus, weil sein Auftraggeber Max Valier bei einem Test von Raketenmotoren 1930 tödlich verunglückte.

1935 heiratete er die Schauspielerin Annemarie Schradiek. Im gleichen Jahr musste Hatry auf Veranlassung der Nationalsozialisten seine Forschungen einstellen, weil er einen jüdischen Großvater hatte. Er wandte sich daher nun ganz dem Film zu. Bereits 1925 hatte ihn Arnold Fanck engagiert. Zuerst als Darsteller, weil er ein sehr guter Skiläufer war, dann als Kameramann. Hatry drehte in den 20ern Filme mit Hannes Schneider, Luis Trenker, Leni Riefenstahl und Ernst Udet. Udet setzte sich auch in der Zeit des Nationalsozialismus für ihn ein. Als Drehbuchautor und Regieassistent machte er für die Tobis in Berlin Unterhaltungsfilme, an denen unter anderen Theo Lingen, Leni Marenbach und Rudolf Prack mitwirkten. Von 1943 bis 45 war er Produktionsleiter und Regisseur für die Mars-Film und drehte Lehrfilme für die Luftwaffe.

Auch nach dem Weltkrieg blieb Julius Hatry vielseitig. Er produzierte Dokumentarfilme. Im Auftrag von Alfred Döblin dramatisierte er Der Oberst und der Dichter und führte Regie am Theater Baden-Baden. Er übersetzte die Schriftsteller Anouilh, Bridie und Vercors. Er synchronisierte französische Filme und war mit seinem eigenen Film Reitvorschrift für eine Geliebte 1950 auf der Biennale in Venedig. Nach dem Konkurs seines Ton-Bild-Studios 1953 übernahm er von seinem verstorbenen Vater dessen Immobilienfirma und war zugleich als Innenarchitekt tätig.

1982 wurde Hatry mit seinem Eintritt in die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR) in hohem Alter wieder im Luftfahrtwesen aktiv. 1985 übernahm er das Amt des Koordinators für die Kurzbiographien von Pionieren-Reihe und ein Jahr später engagierte er sich bei der Neugründung der Bezirksgruppe Nordbaden-Pfalz, die er bis zu seinem Tod leitete. Hatry starb in einem Mannheimer Krankenhaus an Herzversagen.

Ehrungen

Die DGLR verlieh Hatry auf dem Deutschen Luft- und Raumfahrtkongress 1992 den Status eines „Korrespondierenden Mitglieds“ (Honorary Fellow) „in Würdigung seiner richtunggebenden Konstruktionen und Versuche für einen Raketenantrieb von Flugzeugen“.

Im russischen Kaluga wurde Hatry die Ziolkowsky-Ehrenmedaille verliehen. Die Stadt Mannheim benannte eine Straße im Glückstein-Quartier nach ihm und beschloss am 22. November 2016 den Ehrenstatus für seine Grabstätte auf dem Hauptfriedhof.[1] Im Technoseum in Mannheim kann der Nachbau der RAK.1 besichtigt werden, dessen Ausführung Hatry noch selbst überwachte.

Literatur

  • Lothar Suhling: Julius Hatry (* 1906) – Das erste Raketenflugzeug der Welt. In: Badische Tüftler und Erfinder. Stuttgart 1992, ISBN 3-87181-262-5
  • Lothar Suhling: Julius Hatry (1906–2000): Erinnerungen an einen Mannheimer Pionier der Luft- und Raumfahrttechnik. In: Mannheimer Geschichtsblätter, Neue Folge, Bd. 9. Ubstadt-Weiher 2003, ISBN 3-89735-219-2
  • Hans-Erhard Lessing: Julius Hatry – Raketenstart und Raketenflug, S. 175–186. In: Mannheimer Pioniere. Wellhöfer-Verlag Mannheim 2007, ISBN 978-3-939540-13-7

Weblinks

Einzelnachweise

  1. http://www.friedhof-mannheim.de/aktuelles/

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


07.04.2021
Myon g-2: Kleines Teilchen mit großer Wirkung
Das Myon g-2-Experiment des Fermilab in den USA steht vor einem Sensationsmoment, der die Geschichte der Teilchenphysik neu schreiben könnte. Und vielleicht sogar Hinweise auf noch unbekannte Teilchen im Universum gibt.
02.04.2021
Zwei merkwürdige Planeten
Uranus und Neptun habe beide ein völlig schiefes Magnetfeld.
02.04.2021
Der erste interstellare Komet könnte der ursprünglichste sein, der je gefunden wurde
Neue Beobachtungen mit dem Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) deuten darauf hin, dass der abtrünnige Komet 2I/Borisov einer der ursprünglichsten ist, die je beobachtet wurden.
02.04.2021
Erstmals Atominterferometer im Weltraum demonstriert
Atominterferometer erlauben hochpräzise Messungen, indem sie den Wellencharakter von Atomen nutzen. Sie werden zum Beispiel für die Vermessung des Schwerefelds der Erde eingesetzt oder um Gravitationswellen aufzuspüren. Weitere Raketenmissionen sollen folgen.
02.04.2021
Sendungsverfolgung für eine Quantenpost
Quantenkommunikation ist abhörsicher, aber bislang nicht besonders effizient.
25.03.2021
Astronomen bilden Magnetfelder am Rand des Schwarzen Lochs von M 87 ab
Ein neuer Blick auf das massereiche Objekt im Zentrum der Galaxie M 87 zeigt das Erscheinungsbild in polarisierter Radiostrahlung.
24.03.2021
Die frühesten Strukturen des Universums
Das extrem junge Universum kann nicht direkt beobachtet werden, lässt sich aber mithilfe mathematischer Theorien rekonstruieren.
24.03.2021
Können Sternhaufen Teilchen höher beschleunigen als Supernovae?
Ein internationales Forschungsteam hat zum ersten Mal gezeigt, dass hochenergetische kosmische Strahlung in der Umgebung massereicher Sterne erzeugt wird. Neue Hinweise gefunden, wie kosmische Strahlung entsteht.
24.03.2021
Neue Resultate stellen physikalische Gesetze in Frage
Forschende der UZH und des CERN haben neue verblüffende Ergebnisse veröffentlicht.
21.03.2021
Elektronen eingegipst
Eine scheinbar einfache Wechselwirkung zwischen Elektronen kann in einem extremen Vielteilchenproblem zu verblüffenden Korrelationen führen.
21.03.2021
Chromatischer Lichtteilcheneffekt für die Entwicklung photonischer Quantennetzwerke enthüllt
Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Entwicklung von Anwendungen der Quanteninformationsverarbeitung. In einem Schlüsselexperiment ist es gelungen, die bislang definierten Grenzen für Photonenanwendungen zu überschreiten.
18.03.2021
Stratosphärische Winde auf Jupiter erstmals gemessen
Mit dem Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (ALMA) hat ein Team von Astronomen zum ersten Mal die Winde in der mittleren Atmosphäre des Jupiters direkt gemessen.
18.03.2021
Was Gravitationswellen über Dunkle Materie verraten
Die NANOGrav-Kollaboration hat kürzlich erste Hinweise auf sehr niederfrequente Gravitationswellen beobachtet.
18.03.2021
Filamente des kosmischen Netzwerks entdeckt
Einem internationalen Team von Astronominnen und Astronomen gelang zum ersten Mal die direkte Kartierung kosmischer Filamente im jungen Universum, weniger als zwei Milliarden Jahre nach dem Urknall. Die Beobachtungen zeigen sehr leuchtschwache Galaxien, und geben Hinweise auf deren Vorfahren.
18.03.2021
Blaupausen für das Fusionskraftwerk
Am 21 März 1991 erzeugte die Experimentieranlage ASDEX Upgrade im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching das erste Plasma.
12.03.2021
Was die reflektierte Strahlung von Exoplaneten verraten könnte
Als 1995 der erste Planet außerhalb unseres Sonnensystems gefunden wurde, war das eine Sensation, die später mit dem Physik-Nobelpreis gewürdigt wurde.
12.03.2021
Theoretische Lösung für Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit
Wenn Reisen zu fernen Sternen innerhalb der Lebenszeit eines Menschen möglich sein sollen, muss ein Antrieb gefunden werden, der schneller als Lichtgeschwindigkeit ist.
12.03.2021
Quantenkontrolle mit Fernbedienung
Quantentechnologien basieren auf der präzisen Kontrolle des Zustands und der Wechselwirkung einzelner Quantenteilchen.
12.03.2021
Wie Gesteine die Bewohnbarkeit von Exoplaneten beeinflussen
Die Verwitterung von Silikatgesteinen trägt massgeblich dazu bei, dass auf der Erde ein gemässigtes Klima herrscht.
12.03.2021
Roboter lernen schneller mit Quantentechnologie
Künstliche Intelligenz ist Teil unseres modernen Lebens und eine entscheidende Frage für praktische Anwendungen ist, wie schnell solche intelligenten Maschinen lernen können.
11.03.2021
Mikroskopisch kleine Wurmlöcher als theoretische Möglichkeit
In vielen Science-Fiction-Filmen spielen Wurmlöcher eine wichtige Rolle – als Abkürzung zwischen zwei weit entfernten Orten des Weltalls.
09.03.2021
Das am weitesten entfernte Radio-Leuchtfeuer im frühen Universum
Quasare sind die hellen Zentren von Galaxien, die von schwarzen Löchern angetrieben werden, und aktiv Materie ansammeln.
06.03.2021
Eine nahe, glühend heiße Super-Erde
In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten haben Astronomen Tausende von Exoplaneten aus Gas, Eis und Gestein aufgespürt.
06.03.2021
Vulkane könnten den Nachthimmel dieses Planeten erhellen
Bisher haben Forschende keine Anzeichen auf globale tektonische Aktivität auf Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems gefunden.
03.03.2021
„Ausgestorbenes Atom“ lüftet Geheimnisse des Sonnensystems
Anhand des „ausgestorbenen Atoms“ Niob-92 konnten Forscherinnen Ereignisse im frühen Sonnensystem genauer datieren als zuvor.