Das seltsame Verhalten von Tieren vor Erdbeben

Neues aus der Forschung

Meldung vom 18.04.2018

Können Tiere vor Erdbeben warnen? Über diese Frage wird seit Jahrzehnten gestritten. Ein Team um den GFZ-Seismologen Heiko Woith legt nun die erste umfassende statistische Analyse vor. Darin gingen mehr als 700 Beobachtungen auffälligen Verhaltens ein, die bei 160 Erdbeben gemacht wurden und mehr als 130 Arten betreffen.


180420-2333_medium.jpg
 
Im alten Rom waren die Menschen überzeugt davon, dass Gänse Erdbeben voraussagen können
Heiko Woith, Gesa M. Petersen, Sebastian Hainzl, Torsten Dahm
Can Animals Predict Earthquakes?
Bulletin of the Seismological Society of America (2018)
DOI: 10.1785/0120170313


Können Tiere vor Erdbeben warnen? Über diese Frage wird seit Jahrzehnten gestritten. Auf der einen Seite gibt es zahlreiche Berichte von Hühnern, Schafen oder Hunden, die sich vor einem Beben merkwürdig verhielten. Auf der anderen Seite gibt es viele Erdbeben, vor denen solche Auffälligkeiten von Lebewesen gerade nicht beobachtet wurden. Und überhaupt: Der genaue Zeitpunkt eines solchen Ereignisses ist von sehr vielen verschiedenen Faktoren abhängig und lässt sich nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft wohl niemals exakt vorhersagen. Wie sollten also gewöhnliche Haus- und Wildtiere dazu in der Lage sein?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam ließ diese Frage keine Ruhe. „Die Berichte über auffälliges Verhalten sind zahlreich, doch es könnte auch andere Ursachen haben“, sagt Heiko Woith. „Wir haben deshalb 180 entsprechende Studien genauer angeschaut und untersucht, ob es einen statistischen Zusammenhang zwischen der seismischen Aktivität und dem Verhalten von Tieren gibt.“ Diese erste umfangreiche statistische Analyse erscheint jetzt im Fachjournal „Bulletin of the Seismological Society of America“.

In die Analyse gingen mehr als 700 Beobachtungen auffälligen Verhaltens ein, die bei 160 Erdbeben gemacht wurden und mehr als 130 Arten betreffen – von Schafen über Ziegen bis hin zu Schlangen und Fischen. Die Berichte stammen aus zwei Dutzend Ländern, wobei die meisten aus Neuseeland, Japan, Italien und Taiwan kommen.

Das Team um Woith hat unter anderem den Effekt von Vorbeben untersucht: merkliche Erschütterungen, die bei etwa jedem zehnten Erdbeben Tage oder gar Wochen vorher auftreten. Sie zogen Daten eines Erdbebenkatalogs (ISC-GEM) heran, der weltweit alle Beben mit einer Magnitude von M 5.6 und mehr in den Jahren von 2000 bis 2012 verzeichnet. „Wir haben angenommen, dass entsprechende Erschütterungen in einer Entfernung von 100 Kilometern für Tieren spürbar sind“, sagt Woith. „Dann haben wir für alle Erdbeben ab Magnitude 6 untersucht, ob es in diesem Umkreis und binnen 60 Tagen Vorbeben gab.“ Das Ergebnis: Bei 16 Prozent der Hauptbeben gab es diese Vorbeben binnen 60 Tagen. Nur einen Tag vorher wurden solche Vorboten in 7 Prozent der Fälle registriert, eine Stunde vorher in 3 Prozent der Fälle. „Diese Verteilung in Raum und Zeit ist ähnlich der Verteilung von Auffälligkeiten im Verhalten von Tieren“, sagt Woith. „Wir gehen davon aus, dass zumindest ein Teil der Fälle, wo Tiere als Erdbeben-Warner gehandelt werden, als Reaktion auf Vorbeben zu verstehen sind.“

Weitere Aussagen seien jedoch sehr schwierig. Ein Grund ist, dass die Daten sehr heterogen sind. Die beschriebenen Beobachtungen sind oftmals anekdotisch und für eine solide wissenschaftliche Untersuchung ungeeignet. Hinzu kommt, dass auch andere Zusammenhänge zwischen Erdbeben und dem Verhalten von Tieren diskutiert werden, etwa Reaktionen auf Ausgasungen. „Man darf nicht vergessen, dass es etliche Erdbeben gibt, die sich weder durch Vorbeben noch durch andere Anzeichen ankündigen, sondern wörtlich spontan auftreten“, ergänzt der GFZ-Forscher. Dennoch sei es eine interessante Forschungsfrage, ob Tiere als Erdbebenwarner genutzt werden könnten. Die Erfolgsaussichten seien nach bisherigem Stand der Wissenschaft jedoch nicht zu groß, meint Woith: „Eine treffsichere Vorhersage zu Ort, Magnitude und Zeitpunkt eines Bebens erscheint nach allem, was wir wissen, nicht möglich zu sein. Und auch die zuverlässige Frühwarnung anhand von Vorbeben oder Gasaustritten aus dem Untergrund ist mit sehr vielen Unsicherheiten behaftet und bislang auch mit den modernsten Sensoren nicht gelungen.“


News der letzten 2 Wochen


Meldung vom 17.01.2019

Wie Moleküle im Laserfeld wippen

Wenn Moleküle mit dem oszillierenden Feld eines Lasers wechselwirken, wird ein unmittelbarer, zeitabhängiger ...

Meldung vom 16.01.2019

Fliegende optische Katzen für die Quantenkommunikation

Gleichzeitig tot und lebendig? Max-Planck-Forscher realisieren im Labor Erwin Schrödingers paradoxes Gedanken ...

Meldung vom 15.01.2019

Kieler Physiker entdecken neuen Effekt bei der Wechselwirkung von Plasmen mit Festkörpern

Plasmen finden sich im Inneren von Sternen, werden aber auch in speziellen Anlagen im Labor künstlich erzeugt ...

Meldung vom 14.01.2019

Vermessung von fünf Weltraum-Blitzen

Ein am PSI entwickelter Detektor namens POLAR hat vom Weltall aus Daten gesammelt. Im September 2016 war das G ...

Meldung vom 14.01.2019

Mit Satelliten den Eisverlust von Gletschern messen

Geographen der FAU untersuchen Gletscher Südamerikas so genau wie nie zuvor.

Meldung vom 14.01.2019

5000 mal schneller als ein Computer

Ein atomarer Gleichrichter für Licht erzeugt einen gerichteten elektrischen Strom. Wenn Licht in einem Halble ...

Meldung vom 14.01.2019

Isolatoren mit leitenden Rändern verstehen

Isolatoren, die an ihren Rändern leitfähig sind, versprechen interessante technische Anwendungen. Doch bishe ...

Meldung vom 10.01.2019

Ionenstrahlzerstäuben - Abscheidung dünner Schichten mit maßgeschneiderten Eigenschaften

Dünne Schichten mit Schichtdicken im Bereich weniger Nanometer spielen eine zentrale Rolle in vielen technolo ...

Meldung vom 10.01.2019

Wie Gletscher gleiten

Der Jülicher Physiker Bo Persson hat eine Theorie zum Gleiten von Gletschereis auf felsigem Boden vorgestellt ...

Meldung vom 08.01.2019

Neue Einblicke in die Sternenkinderstube im Orionnebel

Team unter Kölner Beteiligung zeigt: Winde eines jungen Sternes verhindern die Bildung neuer Sterne in der Na ...

Meldung vom 08.01.2019

Dissonanzen in der Quantenschwingung

Neuartige Quanteninterferenz in atomar dünnen Halbleitern entdeckt.

Meldung vom 07.01.2019

Photovoltaik-Trend Tandemsolarzellen: Wirkungsgradrekord für Mehrfachsolarzelle auf Siliciumbasis

Siliciumsolarzellen dominieren heute den Photovoltaikmarkt aber die Technologie nähert sich dem theoretisch m ...

Meldung vom 07.01.2019

Forscher erzeugen Hybridsystem mit verschiedenen Quantenbit-Arten

Einem japanisch-deutschen Forschungsteam ist es erstmals gelungen, Informationen zwischen verschiedenen Arten ...

Meldung vom 21.12.2018

Mit Quanten-Tricks die Rätsel topologischer Materialien lösen

„Topologische Materialen“ sind technisch hochinteressant, aber schwer zu messen. Mit einem Trick der TU Wi ...

Meldung vom 21.12.2018

Moleküle aus mehreren Blickwinkeln

Lasergetriebene Röntgen-Laborquellen liefern neue Einsichten - Forscher am MBI haben erfolgreich Absorptionss ...

Meldung vom 21.12.2018

Beschreibung rotierender Moleküle leicht gemacht

Interdisziplinäres Wissenschaftlerteam entwickelt neue numerische Technik zur Beschreibung von Molekülen in ...



19.12.2018:
Tanz mit dem Feind
11.12.2018:
Die Kraft des Vakuums
30.11.2018:
Von der Natur lernen
24.11.2018:
Kosmische Schlange


11.05.2018:
Vorsicht, Glatteis!

Newsletter

Neues aus der Forschung