Marco Wehr

Marco Wehr

Marco Wehr (* 21. November 1961 in Wuppertal) ist ein deutscher Physiker, Philosoph und Tänzer. Er arbeitet als Buchautor, freier Journalist, Vortragsredner und Tänzer und ist Gründer und Leiter des Philosophischen Labors in Tübingen.

Ausbildung

Wehr besuchte das Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal und machte 1980 sein Abitur. Danach folgte ein zweijähriger Zivildienst bei der Johanniter-Unfall-Hilfe als Rettungssanitäter. 1982 ging Marco Wehr nach Tübingen und absolvierte vor Studienbeginn ein viermonatiges Praktikum am Max-Planck-Instituts für Immungenetik. Im selben Jahr begann er in Tübingen Chemie zu studieren. Nach vier Semestern wechselte er zum Fach Physik und schloss sein Studium 1989 mit dem Diplom ab. Sein Schwerpunktfach war „Informationsverarbeitung in Nervensystemen“. Der Titel seiner Diplomarbeit lautete „Die Beziehung des Gödelschen Unvollständigkeitsbeweises zum endophysikalischen Beobachtungsproblem“. Neben dem Physikstudium studierte Wehr in Tübingen auch Philosophie. 1990 wechselte Marco Wehr zur Philipps-Universität Marburg und promovierte bei Prof. Dr. Peter Janich in Philosophie. Seine Doktorarbeit hieß: „Chaos - Eine wissenschaftstheoretische Untersuchung“. Die Promotion erschien später in gekürzter und verständlicher Form bei Klett-Cotta als Sachbuch. Der Titel lautete: „Der Schmetterlingsdefekt – Turbulenzen in der Chaostheorie“. Diese kritische Arbeit führte dazu, dass die Chaostheorie in ihrer erkenntnistheoretischen Bedeutung differenzierter betrachtet wurde. Seit 1986 arbeitet Marco Wehr zudem professionell als Tänzer und Autor. Wegen seiner Vielseitigkeit wurde er in der ZEIT als „Kopf mit Körper“ bezeichnet.[1]

Autor

Während seines Physikstudiums machte Marco Wehr Hintergrundrecherchen für die Zeitschrift Geo und schrieb für Bild der Wissenschaft, Spektrum der Wissenschaft und die ZEIT. Seine erstes Buch, das er mit Martin Weinmann herausbrachte, hatte die menschliche Hand zum Gegenstand. In diesem Buch wurde gezeigt, wie eng menschliches Denken mit der speziellen Funktionsweise des menschlichen Körpers zusammenhängt. 2003 veröffentlichte Wehr das Buch „Der Schmetterlingsdefekt“. Danach arbeitete er an einem Roman, der abgeschlossen, aber nicht veröffentlicht ist. 2007 erschien der Philosophieverführer „Welche Farbe hat die Zeit“. 2014 veröffentlichte er das Buch „Kleine Kinder sind große Lehrer“, das sich mit den besonderen Lernstrategien von Kindern auseinandersetzt. Als Essayist arbeitet er seit 2010 hauptsächlich für die FAZ und den SWR. Als Autor und Redner beschäftigt sich mit Problemen der Planbarkeit und Komplexität sowie der Beziehung von Körper und Denken. Außerdem hinterfragt er die Mathematisierung und Digitalisierung der Welt.

Tänzer

Marco Wehr begann seine tänzerische Ausbildung 1979 bei Luis Mijares in Afro Contemporary Dance. Später lernte er bei Ismael Ivo, Elsa Wolliaston und Germaine Acogny. Zwischen 1982 und 1995 unternahm er Studienreisen nach Brasilien, Kolumbien, die USA und in die Karibik. In Brasilien lernte er vor allen Dingen Samba. Er war Privatschüler von Carlinhos de Jesus, Brasiliens bekanntestem Sambista. Außerdem absolvierte er eine Berufsausbildung in Afro-Brasilianischer Percussion bei Dudu Tucci. Seit 1995 beschäftigt er sich zudem mit Hip-Hop und Housedance.

Seit 1983 unterrichtet er Afro Contemporary Dance, Samba, Hip Hop und Urban Styles im In- und Ausland. Marco Wehr hatte einen Lehrauftrag für Tanz an der Hochschule in Ludwigsburg. Zusammen mit Niels „Storm“ Robitzky leitete er 15 Jahre die Ausbildung „Urban Styles – from HipHop to House“, die Tänzer in den urbanen Stilen professionalisierte. Seit 2013 ist Wehr Lehrbeauftragter und Mitbegründer der Hochschule für Zeitgenössischen Urbanen Bühnentanz in Zürich. Er war künstlerischer Leiter des urbanen Bereichs und entwickelte das Hochschulcurriculum für die urbanen Tanzstile. Neben dem Unterricht gründete er 1988 die Tübinger-Tanz-Theater-Tage (mit Susanne Linke, Gerhard Bohner, Carlotta Ikeda und anderen).

Als Bühnenkünstler trat er mehrere Jahre mit der Malerin Barbara Heinisch auf. Er arbeitete mit den Choreographinnen Leonore Ickstadt und Karen Bamonte. Auch produzierte er das Stück „Mayhem“, aufgeführt in Berlin und Philadelphia. Als Solist tanzte er mit Dudu Tucci auf dem „Viva Afro-Brasil“, dem größten brasilianischen Festival in Europa, und kreierte Shows für BMW, IBM und andere. Von 2009 bis 2018 spielte er zusammen mit Poppin Hood das abendfüllende Tanztheaterstück „VoodooVibes“, das zum Beispiel im Festspielhaus Bregenz oder beim „We are one“-Festival in Shanghai gezeigt wurde.

Stipendien und Auszeichnungen

Marco Wehr wurde von der Friedrich-Naumann-Stiftung im Rahmen seines Physikstudiums gefördert. Danach bekam er von derselben Stiftung ein Promotionsstipendium. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und waren auf den Besten- und Bestsellerlisten. Mit seinen Essays und Radiobeiträgen war Marco Wehr mehrfach im Finale wichtiger deutscher Journalistenpreise (Henri-Nannen- und Georg von Holtzbrinck Preis).

Publikationen (Auszug)

Bücher und Buchbeiträge

  • Das Chaos mit dem Chaos. In: Krapp, H. / Wägenbaur, T.: Komplexität und Selbstorganisation, Fink Verlag, München 1997.
  • Ein Daumen Fische. In: Wehr, M. / Weinmann, M. (Hrsg.): Die Hand – Werkzeug des Geistes. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1999.
  • Die Inseln der Propheten – Über die Emergenz neuronaler Repräsentationen. In: Wägenbaur, T. (Hrsg.): Blinde Emergenz? Interdisziplinäre Beiträge zu Fragen kultureller Evolution. Synchron, Heidelberg 2000.
  • Der Schmetterlingsdefekt – Turbulenzen in der Chaostheorie. Klett/Cotta, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-94322-6.
  • Mit Martin Weinmann: Die Hand – Werkzeug des Geistes. Elsevier, München 2005.
  • Welche Farbe hat die Zeit? – Wie Kinder uns zum Denken bringen. Eichborn, Berlin 2007.
  • Die Insel der Seligen. In: Hosp, I. / Schüz, A. / Braitenberg, Z. (Hrsg.): Tentakel des Geistes – Begegnungen mit Valentin Braitenberg. Edition Raetia, Bozen 2011.
  • Die Komplexitätsfalle. In: Eck, J. et al. (Hrsg.): Komplexität. B.R.A.I.N, Zwingenberg 2013.
  • Kleine Kinder sind große Lehrer – Das Genie der frühen Jahre. Beltz, Weinheim 2014, ISBN 978-3-407-85990-7.

Artikel

  • Die unheimliche Macht der Ästhetik – auch theoretische Physiker lassen sich von der Schönheit den Kopf verdrehen. In: Die Zeit 2/2001.
  • Von der Unzuverlässigkeit des Zahlenzaubers. In: FAZ 15/2012.
  • Die Komplexitätsfalle. In: FAZ 269/2012.
  • Die Kompetenzillusion. In: FAZ 5/2014.
  • Hirn am Pranger. In: FAZ 11/2015.
  • Das wusste unser Lehrer aber besser. In: FAZ 33/2016.
  • Die Schnittstelle im Kopf. In: FAZ 120/2016.
  • Einsteins pädagogische Formel. In: FAZ 152/2016.
  • Wovor wir Angst haben. In: FAZ 190/2016.
  • Gefährliche Grünfühler. In: Schwäbisches Tagblatt, 25. Juli 2017.
  • Wir sind Weltmeister im Wohlfühlen. In: FAZ 302/2018.
  • Nichts, was sich nicht fälschen ließe. In: NZZ, 26. Juli 2019.
  • Flucht vor der Scheinmoral. In: FAZ 14/2020.
  • Die Macht der Räuberpistole. In: FAZ 125/2020.
  • Deutschland als lernendes System: Plädoyer gegen den Dauerlockdown. Online: 1e9.community, 24. Februar 2021
  • Verführerische Trugblüten. FAZ 97/2021.

Radiobeiträge

  • In: Chaos in der Chaostheorie. BR 2, 2002.
  • In: Kindliches Denken. Philosophisches Radio, WDR 5, 18. Mai 2007.
  • In: An den Grenzen des Wissens. Hörpunkt, Schweizer Radio DRS 2, 2. Februar 2008.
  • In: Wunderwerk Zehnfingersystem. Kontext, Schweizer Radio DRS 2, 26. Mai 2008.
  • In: Mit Stirn und Nase – ein Plädoyer für Beharrlichkeit und Eigensinn. Kontext, Schweizer Radio DRS 2, 17. August 2009.
  • In: Komplexität. Philosophischer Radiosalon, WDR 5, 25. November 2011.
  • In: Kopf & Körper. Philosophisches Radio, WDR 5, 25. Mai 2012.
  • In: Wir sind gefangen in der Komplexitätsfalle. Impuls, SWR 2, 6. Dezember 2012.
  • In: Unübersichtlich und unvorhersehbar – Wieviel Komplexität verkraftet unser Gehirn?. Aula, SWR 2, 7. April 2013.
  • In: Propheten gesucht – Über ein gefährliches Vertrauensverhältnis. Aula, SWR 2, 13. Juli 2014.
  • In: Das Genie der frühen Jahre. Kontext, Schweizer Radio DRS 2, 27. Oktober 2014.
  • In: Pädagogik mit Courage. Aula, SWR 2, 29. April 2018.
  • In: Kontrolliert künstliche Intelligenz den Menschen?. Aula, SWR 2, 11. Oktober 2018.
  • In: Werden Roboter das Zepter in die Hand nehmen?. Aula, SWR 2, 24. Februar 2019.
  • In: Jenseits der Hasstiraden – Plädoyer für eine neue Debattenkultur. Aula, SWR 2, 28. Juli 2020.
  • In: Wer fühlt, hat Recht – Wie sich Moralapostel der Wirklichkeit verweigern. Aula, SWR 2, 15. November 2020.
  • In: Verschmelzend? – Mensch und Maschine. Das Philosophische Radio, WDR 5, 18. Dezember 2020.

Literatur

  • Inga Hosp, Zeno Braitenberg, Almut Schüz (Hrsg.): Tentakel des Geistes. Begegnungen mit Valentin Braitenberg. 18.6.1926 – 9.9.2011 (= Arunda 81). Edition Raetia, Bozen 2011, ISBN 978-88-7283-403-9, Kurzbiografie auf S. 300f.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Kopf mit Körper. Die Zeit 38, 16. September 1999.