Herbert Dingle

Herbert Dingle

Herbert Dingle (* 2. August 1890 in London; † 4. September 1978 in Hull) war ein britischer Astrophysiker und Naturphilosoph. Er war von 1951 bis 1953 Präsident der Royal Astronomical Society.

Leben

Dingle wurde in London geboren, verbrachte aber nach dem Tod seines Vaters seine ersten Jahre in Plymouth. Wegen unzureichender finanzieller Mittel musste er dort jedoch die Schule verlassen und 11 Jahre als Angestellter arbeiten. Mit 25 Jahren gewann er ein Stipendium für das Imperial College in London und graduierte im Jahr 1918. Im selben Jahr heiratete er Alice Westacott, mit welcher er einen Sohn hatte. Als Quäker wurde Dingle der Militärdienst im Ersten Weltkrieg erlassen. Er erhielt eine Position als Assistent Im Physikdepartment, und widmete sich (seinem Mentor Alfred Fowler folgend) dem Studium der Spektroskopie und dabei vor allem ihrer Anwendung in der Astronomie. 1922 wurde Dingle Mitglied (Fellow) der Royal Astronomical Society, deren Präsident er von 1951 bis 1953 war.

Dingle war ein Mitglied der Okkultations-Expeditionen der britischen Regierung von 1927 (Colwyn Bay) und 1932 (Montreal), welche beide aufgrund von bedecktem Himmel scheiterten. 1932 verbrachte er die meiste Zeit am California Institute of Technology als ein Gelehrter der Rockefeller Foundation. Hier traf er den theoretischen Kosomologen Richard C. Tolman und studierte relativistische Kosmologie.

1938 wurde Dingle Professor für Naturphilosophie am Imperial College und war Professor für Geschichte und Philosophie der Wissenschaft am University College London von 1946 bis zu seinem Ruhestand 1955. Danach trug er den Titel „Professor Emeritus“ für diese Institution. Er war ein Mitbegründer der British Society for the History of Science, deren Dingle Prize ihm zu Ehren benannt ist, und gründete die British Society for the Philosophy of Science und damit zusammenhängend die Zeitschrift British Journal for The Philosophy of Science.[1]

Dingle war der Autor von Modern Astrophysics (1924) und Practical Applications of Spectrum Analysis (1950). Er schrieb auch einführende Arbeiten zur Relativitätstheorie wie Relativity for All (1922) und die Monographie The Special Theory of Relativity (1940). Eine Sammlung von Dingles Lesungen über die Geschichte und Philosophie der Wissenschaft wurde 1954 publiziert.[2] Er interessierte sich auch für Englische Literatur und veröffentlichte Science and Literary Criticism (1949) und The Mind of Emily Brontë (1974).

Kontroversen

Bekannt wurde Dingle auch durch seine Beteiligung an diversen öffentlichen und polemischen Disputen. So kritisierte er in den 1930ern das kosmologische Modell von Edward Arthur Milne als zu spekulativ und nicht auf Erfahrung basierend.[3] Ebenso kritisierte er Arthur Stanley Eddington, wobei sich an dieser Debatte fast jeder prominente britische Astrophysiker und Kosmologe beteiligte. Dingle charakterisierte seine Gegner als „Verräter“ an der wissenschaftlichen Methode und nannte sie „die modernen Aristoteliker“, weil er glaubte, dass ihre theoretischen Überlegungen mehr auf Rationalismus als auf Empirismus basierten. Willem de Sitter unterstützte einige der weniger radikalen Aussagen von Dingles Kritik an Milne und Eddington. Jedoch sind die modernen Kosmologen der Auffassung, dass die hypothetisch-deduktive Methode von Milne gültig ist.

Obwohl er in den 1920ern als einer der ersten ein Lehrbuch über die Spezielle Relativitätstheorie (SRT) verfasst hatte und sie ursprünglich akzeptierte, wandte sich Dingle im Ruhestand von ihr ab und verwarf sie.[4][5] Ursprünglich argumentierte er, dass die SRT beim Zwillingsparadoxon keine unterschiedliche Alterung der Zwillinge voraussage, aber er erkannte jedoch selbst seine Fehler in der Argumentation. Danach behauptete er, dass die Voraussagen der SRT empirisch falsch seien, obwohl die Experimente das Gegenteil zeigten.[6] Danach fokussierte Dingle seine Kritik wieder auf die Annahme, dass die SRT logisch inkonsistent sei. Vor allem bezog sich Dingle auf die Zeitdilatation, wonach jeder Beobachter die Uhren des anderen wechselseitig langsamer laufen sieht. Für ihn war die Reziprozität der Lorentz-Transformation eine offenkundige Absurdität.[7]

Dingle brachte seine Kritik in einer umfangreichen öffentlichen Kampagne an die Öffentlichkeit, wie zum Beispiel in Briefen an die Zeitschrift Nature. Viele Wissenschaftler (darunter Whitrow) antworteten ihm und erklärten, dass die Reziprozität der Lorentz-Transformation einfach demonstriert werden kann und somit die SRT keineswegs inkonsistent ist.[8][1] Dingle lehnte die Lösungen jedoch ab und veröffentlichte schließlich (1972) das Buch Science at the Crossroads, in dem er behauptete, dass die Widerlegung der SRT erbracht sei, jedoch von der gesamten wissenschaftlichen Welt ignoriert bzw. unterdrückt worden sei.[9] Der Konsens in der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist jedoch, dass Dingles Einwände zur logischen Konsistenz der SRT unbegründet sind.[1][10][11]

Siehe auch

Weblinks

Literatur von und über Herbert Dingle in der bibliografischen Datenbank WorldCat

Einzelbelege

  1. 1,0 1,1 1,2 G.J. Whitrow: Obituaries: Herbert Dingle. In: Royal Astronomical Society (Hrsg.): Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society. Band 21, 1980, S. 333–338, bibcode:1980QJRAS..21..333W.
  2. The Scientific Adventure: Essays in the History and Philosophy of Science, 1954, re-published in 1970 by Ayer Publishing.
  3. „Cosmology: Methodological Debates in the 1930s and 1940s“from the Stanford Encyclopedia of Philosophy
  4. H. Dingle: The Case against Special Relativity. In: Nature. 14. Oktober 1967, S. 119.
  5. W. H. McCrea: Why The Special Theory of Relativity is Correct. In: Nature. 14. Oktober 1967, S. 122.
  6. Giulini, Domenico, Special Relativity: A First Encounter, 100 Years since Einstein, 2005.
  7. Commentary on the Dingle Dispute in the journal Nature, 1967, wiederabgedruck in Dingles Buch Science at the Crossroads.
  8. Für Antworten an Dingle siehe z.b.: Crawford, Frank S., Bull. Inst. Phys., 7, 314 (1956); Fremlin, J. H., Nature, 180, 499 (1957); Darwin, Charles, Nature, 180, 976 (1957); Crawford, F. S., Nature, 179, 1071 (1957); Landsberg, P. T., Math. Gaz., 47, 197 (1964); McCrea, W. H., Nature, 216, 122 (1967); Fullerton, J. H., Nature, 216, 524 (1967); Barrett, W., Nature, 216, 524 (1967); Landsberg, P. T., Nature, 220, 1182 (1968); Fremlin, F. H., Nature, 244, 27 (1973); Jacob, R., Nature, 244, 27 (1973); Whippman, M., Nature, 244, 27 (1973); Stedman, G. E., Nature, 244, 27 (1973); Ziman, J., Nature, 241, 143 (1973); Ellis, G. F. R., Nature, 242, 143 (1973); Armstrong, H. L., Nature, 244, 26 (1973).
  9. Herbert Dingle: Science at the Crossroads. Martin Brian & O'Keeffe, London 1972, ISBN 0-85616-060-1.
  10. Prokhovnik, S.J., The Logic of Special Relativity, Cambridge University Press, 1967
  11. Davies, P. C. W. , About Time, Simon and Schushter, 1995

Weblinks


Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


07.04.2021
Myon g-2: Kleines Teilchen mit großer Wirkung
Das Myon g-2-Experiment des Fermilab in den USA steht vor einem Sensationsmoment, der die Geschichte der Teilchenphysik neu schreiben könnte. Und vielleicht sogar Hinweise auf noch unbekannte Teilchen im Universum gibt.
02.04.2021
Zwei merkwürdige Planeten
Uranus und Neptun habe beide ein völlig schiefes Magnetfeld.
02.04.2021
Der erste interstellare Komet könnte der ursprünglichste sein, der je gefunden wurde
Neue Beobachtungen mit dem Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) deuten darauf hin, dass der abtrünnige Komet 2I/Borisov einer der ursprünglichsten ist, die je beobachtet wurden.
02.04.2021
Erstmals Atominterferometer im Weltraum demonstriert
Atominterferometer erlauben hochpräzise Messungen, indem sie den Wellencharakter von Atomen nutzen. Sie werden zum Beispiel für die Vermessung des Schwerefelds der Erde eingesetzt oder um Gravitationswellen aufzuspüren. Weitere Raketenmissionen sollen folgen.
02.04.2021
Sendungsverfolgung für eine Quantenpost
Quantenkommunikation ist abhörsicher, aber bislang nicht besonders effizient.
25.03.2021
Astronomen bilden Magnetfelder am Rand des Schwarzen Lochs von M 87 ab
Ein neuer Blick auf das massereiche Objekt im Zentrum der Galaxie M 87 zeigt das Erscheinungsbild in polarisierter Radiostrahlung.
24.03.2021
Die frühesten Strukturen des Universums
Das extrem junge Universum kann nicht direkt beobachtet werden, lässt sich aber mithilfe mathematischer Theorien rekonstruieren.
24.03.2021
Können Sternhaufen Teilchen höher beschleunigen als Supernovae?
Ein internationales Forschungsteam hat zum ersten Mal gezeigt, dass hochenergetische kosmische Strahlung in der Umgebung massereicher Sterne erzeugt wird. Neue Hinweise gefunden, wie kosmische Strahlung entsteht.
24.03.2021
Neue Resultate stellen physikalische Gesetze in Frage
Forschende der UZH und des CERN haben neue verblüffende Ergebnisse veröffentlicht.
21.03.2021
Elektronen eingegipst
Eine scheinbar einfache Wechselwirkung zwischen Elektronen kann in einem extremen Vielteilchenproblem zu verblüffenden Korrelationen führen.
21.03.2021
Chromatischer Lichtteilcheneffekt für die Entwicklung photonischer Quantennetzwerke enthüllt
Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Entwicklung von Anwendungen der Quanteninformationsverarbeitung. In einem Schlüsselexperiment ist es gelungen, die bislang definierten Grenzen für Photonenanwendungen zu überschreiten.
18.03.2021
Stratosphärische Winde auf Jupiter erstmals gemessen
Mit dem Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (ALMA) hat ein Team von Astronomen zum ersten Mal die Winde in der mittleren Atmosphäre des Jupiters direkt gemessen.
18.03.2021
Was Gravitationswellen über Dunkle Materie verraten
Die NANOGrav-Kollaboration hat kürzlich erste Hinweise auf sehr niederfrequente Gravitationswellen beobachtet.
18.03.2021
Filamente des kosmischen Netzwerks entdeckt
Einem internationalen Team von Astronominnen und Astronomen gelang zum ersten Mal die direkte Kartierung kosmischer Filamente im jungen Universum, weniger als zwei Milliarden Jahre nach dem Urknall. Die Beobachtungen zeigen sehr leuchtschwache Galaxien, und geben Hinweise auf deren Vorfahren.
18.03.2021
Blaupausen für das Fusionskraftwerk
Am 21 März 1991 erzeugte die Experimentieranlage ASDEX Upgrade im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching das erste Plasma.
12.03.2021
Was die reflektierte Strahlung von Exoplaneten verraten könnte
Als 1995 der erste Planet außerhalb unseres Sonnensystems gefunden wurde, war das eine Sensation, die später mit dem Physik-Nobelpreis gewürdigt wurde.
12.03.2021
Theoretische Lösung für Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit
Wenn Reisen zu fernen Sternen innerhalb der Lebenszeit eines Menschen möglich sein sollen, muss ein Antrieb gefunden werden, der schneller als Lichtgeschwindigkeit ist.
12.03.2021
Quantenkontrolle mit Fernbedienung
Quantentechnologien basieren auf der präzisen Kontrolle des Zustands und der Wechselwirkung einzelner Quantenteilchen.
12.03.2021
Wie Gesteine die Bewohnbarkeit von Exoplaneten beeinflussen
Die Verwitterung von Silikatgesteinen trägt massgeblich dazu bei, dass auf der Erde ein gemässigtes Klima herrscht.
12.03.2021
Roboter lernen schneller mit Quantentechnologie
Künstliche Intelligenz ist Teil unseres modernen Lebens und eine entscheidende Frage für praktische Anwendungen ist, wie schnell solche intelligenten Maschinen lernen können.
11.03.2021
Mikroskopisch kleine Wurmlöcher als theoretische Möglichkeit
In vielen Science-Fiction-Filmen spielen Wurmlöcher eine wichtige Rolle – als Abkürzung zwischen zwei weit entfernten Orten des Weltalls.
09.03.2021
Das am weitesten entfernte Radio-Leuchtfeuer im frühen Universum
Quasare sind die hellen Zentren von Galaxien, die von schwarzen Löchern angetrieben werden, und aktiv Materie ansammeln.
06.03.2021
Eine nahe, glühend heiße Super-Erde
In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten haben Astronomen Tausende von Exoplaneten aus Gas, Eis und Gestein aufgespürt.
06.03.2021
Vulkane könnten den Nachthimmel dieses Planeten erhellen
Bisher haben Forschende keine Anzeichen auf globale tektonische Aktivität auf Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems gefunden.
03.03.2021
„Ausgestorbenes Atom“ lüftet Geheimnisse des Sonnensystems
Anhand des „ausgestorbenen Atoms“ Niob-92 konnten Forscherinnen Ereignisse im frühen Sonnensystem genauer datieren als zuvor.