Heinrich Christian Schumacher

Heinrich Christian Schumacher

Dieser Artikel befasst sich mit dem Astronomen Heinrich Christian Schumacher. Für den Botaniker siehe Heinrich Christian Friedrich Schumacher.
Heinrich Christian Schumacher (Lithographie von F. Ausborn nach einem Gemälde von Christian Albrecht Jensen)

Heinrich Christian Schumacher (* 3. September 1780 im holsteinischen Bramstedt; † 28. Dezember 1850 in Altona/Elbe) war ein deutscher Astronom und Geodät. Er gründete die Sternwarte Altona und die erste himmelskundliche Fachzeitschrift Astronomische Nachrichten.

Kindheit und Jugend

Der Sohn des Amtmannes Andreas Schumacher wurde als Siebenjähriger von seinem Vater dem dänischen König Friedrich VI. – der in Personalunion auch Herzog von Holstein war – vorgestellt. Von dieser Bekanntschaft hat Schumacher im Laufe seines späteren Lebens wiederholt profitiert. Nach dem Tod des Vaters zog seine Mutter mit ihm 1790 nach Altona, wo er beim Holsteiner Topografen Johann Friedrich August Dörfer zur Schule ging. Durch ihn und Jacob Struve, Mathematiker und Direktor des Altonaer Gymnasiums Christianeum, das Schumacher von 1794 bis 1799 besuchte[1], kam er erstmals mit Vermessung und Himmelskunde in Kontakt.

Heinrich Christian Schumacher um 1823, Lithographie von Otto Speckter (1853)

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten Kiel und Göttingen lehrte er als Dozent der Rechte 1805 an der Universität Dorpat (heute Tartu in Estland). Der Mathematiker und Leiter der dortigen Sternwarte Prof. Johann Wilhelm Andreas Pfaff führte ihn an Mathematik und Astronomie heran; beide Fächer studierte er nach seiner Rückkehr mit einem königlichen Stipendiums an den Universitäten Kopenhagen und Göttingen.

Von der Juristerei zur Astronomie

In Göttingen war Carl Friedrich Gauß sein Lehrer, der Schumacher für die Geodäsie begeisterte. Nach Ablauf des einjährigen Stipendiums besuchten sie zusammen namhafte Astronomen und Mathematiker: (Olbers, Schroeter, Bessel). Bei seinen häufigen Zwischenaufenthalten im heimischen Altona hatte Schumacher sich zudem mit Johann Georg Repsold angefreundet, dessen Sternwarte in Hamburg er seit 1808 regelmäßig nutzte.

1810 wurde Schumacher außerordentlicher Professor der Astronomie in Kopenhagen, 1813 Direktor der Mannheimer Sternwarte und 1815 ordentlicher Professor der Astronomie in Kopenhagen. Von dort kehrte er jedoch umgehend nach Altona zurück, um im Auftrag Friedrichs VI. ab 1817 die geodätische Vermessung des Meridians von Skagen bis Lauenburg/Elbe vorzunehmen, die von Gauß durch Königreich Hannover hindurch fortgesetzt und damit an das Europäische Netz angeschlossen wurde.

1820 erhielt er von der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften in Kopenhagen den Auftrag, Holstein zu vermessen und die Ergebnisse kartographisch darzustellen.

Sternwarte Altona und Astronomische Nachrichten

barockes Wohnhaus von H.C. Schumacher (Bildmitte)

1821 kaufte Schumacher ein Haus an der Altonaer Palmaille, in dem er sein eigenes Institut, die Sternwarte Altona, einrichtete. Ein königliches Privileg umfasste außer einem jährlichen Budget für seine Mitarbeiter auch die Zusicherung, bis zu seinem Tod in Altona leben und forschen zu dürfen. Von den kleinen Erkern des am Hochufer der Elbe gelegenen Gebäudes aus konnte man mehrere entfernte Dreieckspunkte sehen; im Garten wurde ein Meridiankreis von Reichenbach aufgestellt, den Repsold montierte und mit einem eigenen, verbesserten Ableseniveau ausrüstete. Die Polhöhe des Meridiankreises wurde mit 53° 32’ 45’’, seine östliche Länge von Paris mit 30’ 25’’ „in Zeit“ ermittelt (vgl. Altonaer Meridian).

Im Jahr 1823 begann Schumacher auf Vorschlag des dänischen Staatsministers Johannes von Mösting mit der Herausgabe der Astronomische Nachrichten, die die Kommunikation zwischen den Fachleuten und Gelehrten erheblich beförderte. Beiträge von Gauß, Bessel, Rümker, Olbers, Encke, Airy, C. und W.Herschel ließen die bis heute bestehende Zeitschrift schnell zum Sprachrohr der Astronomie werden.

Schumacher und seine Mitarbeiter, namentlich sein langjähriger Observator und Nachfolger Adolph Cornelius Petersen, bestimmten u. a. 1824 den Längenunterschied zwischen Altona und Greenwich durch eine „Chronometerexpedition“, führten 1829/30 auf Gut Güldenstein in Holstein Messungen mit einem von Repsold konstruierten Sekundenpendel durch,[2] vermaßen die Trasse für die 1844 eröffnete Eisenbahnlinie zwischen Altona und Kiel und nahmen das Hamburger Stadtgebiet nach dem dortigen „Großen Brand“ (1842) trigonometrisch auf. 1834 wurde Schumacher in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. 1835 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.[3]

Heinrich Christian Schumacher befasste sich bereits in den 1840er Jahren auch mit dem Problem der Differenzen der astronomischen Zeit zwischen unterschiedlichen Orten und bestimmte für die Fahrpläne der Altona-Kieler Eisenbahn eine künstliche mittlere Uhrzeit – gut 40 Jahre vor der Internationalen Meridian-Konferenz und ein halbes Jahrhundert vor Einführung der Mitteleuropäischen Zeit.

Schumachers letzte Jahre

Diese Umtriebigkeit, aber zunehmend auch Probleme mit Christian VIII., dem Nachfolger seines 1839 gestorbenen Gönners auf dem dänischen Thron, führten zu einer Verschlechterung seiner Gesundheit.

Während des Schleswig-Holsteinischen Aufstandes (1848–1850) lagerten vor dem Altonaer Haus des königstreuen Beamten feindliche Soldaten; er selbst stand unter Hausarrest, durfte sich nur noch privat an den Astronomischen Nachrichten beteiligen.

Grabstein auf dem Heilig-Geist-Kirchhof in Hamburg-Altona

In diesem Umfeld starb Schumacher, mit zahllosen Orden (darunter die ihm 1829 verliehene Goldmedaille der Royal Astronomical Society) ausgezeichnet, Mitglied fast sämtlicher bedeutenden wissenschaftlichen Akademien von Moskau über Paris bis Philadelphia, am 28. Dezember 1850.

Seine Altonaer Sternwarte war bis 1872 in Betrieb, das Gebäude sank erst 1941 in Trümmer; die Astronomischen Nachrichten gibt es heute noch. In der Altonaer Altstadt erinnert seit 1868 die Schumacherstraße an ihn. Sein Grab befindet sich auf dem ehemaligen Heilig-Geist-Kirchhof am Ausgang Behnstraße der S-Bahn Station Königstraße und beim Denkmal für den Altonaer Meridian.

Der Mondkrater Schumacher wurde 1935 nach ihm benannt.

Schriften

  • Astronomische Abhandlungen. 3 Bände. Altona 1823–1825.
  • Astronomische Nachrichten. Herausgabe, Altona 1822–1850. Nach seinem Tod fortgesetzt, erscheint bis heute
  • Astronomische Jahrbücher. Tübingen 1836–1844.
  • Astronomische Hilfstafeln. 10 Bände. Kopenhagen 1820–1829.
  • Lagen der Thürme und der Sternwarte in Hamburg gegen den Thurm der grossen Michaeliskirche nebst ihren Höhenunterschieden und Tafeln, um das Hamburger Fussmaass in Dänisches, Preussisches, Französisches und Englisches Maass, und die fremden Maasse in Hamburger Fussmaass zu verwandeln. Perthes-Besser & Mauke, Hamburg 1843. Digitalisat
  • Sammlung von Hülfstafeln. Hammerich, Altona 1845. Digitalisat

Literatur

  • Fritz Hauschild: Zur Geschichte der Altonaer Sternwarte von 1851 bis zu ihrem Ende 1872. In: Martin Ewald (Hrsg.): 300 Jahre Altona – Beiträge zu seiner Geschichte. Christians, Hamburg 1964.
  • Gerd Hoffmann, Karl-Heinz Nerkamp: Heinrich Christian Schumacher - Der Altonaer Astronom und die Vermessung. Hamburg Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung 2009 hamburg.de pdf
  • Felix Lühning. "...Eine ausnehmende Zierde und Vortheil". Geschichte der Kieler Universitätssternwarte und ihrer Vorgängerinnen 1770–1950. Zwei Jahrhunderte Arbeit und Forschung zwischen Grenzen und Möglichkeiten. In: Sonderveröffentlichungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 56, Wachholtz, 2007, Neumünster ISBN 978-3-529-02497-9 (Zugleich Habilitationsschrift, Fachbereich Mathematik der Universität Hamburg 2002). S. 66–171.
  • Karin Reich: Schumacher, Heinrich Christian. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 739 f. (Digitalisat).
  • J. A. Repsold: H. C. Schumacher. In: Astronomische Nachrichten. Band 208 (1918), Nr. 4970-71, Spalte 17 ff. harvard.edu
  • Jochen Schramm, Geerd Dahms (Red.): Sterne über Hamburg. Die Geschichte der Astronomie in Hamburg. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Kultur- & Geschichtskontor, Kultur- & Geschichtskontor, Hamburg 2010, ISBN 978-3-9811271-8-8

Weblinks

 <Lang> Commons: Heinrich Christian Schumacher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Bernd Elsner: Die Matrikel des Christianeums 1738-1850. Verlag Verein für Hamburgische Geschichte, Hamburg 1998; S. 127 (geführt als Nr. 581)
  2. Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, S. 77; Briefe Schumachers an Gauß vom 11. und 21. Oktober sowie 4. Dezember 1829 und 7. Mai 1830, Briefwechsel 2. Band, Altona 1860, S. 213 books.google, 215, 220, 249. Die am 11. Oktober 1829 mitgeteilte „Breite 54° 13'“ lässt keinen Zweifel daran, dass es sich, entgegen der Annahme in Meyers Großem Konversations-Lexikon, nicht um das auf 55° 34' N östlich von Bogense liegende Gut Gyldensteen gehandelt haben kann.
  3. Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 220.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


04.05.2021
Handfeste Hinweise auf neue Physik
Das Fermilab (USA) hat heute erste Daten aus dem Myon g-2 Experiment veröffentlicht, welche die Messwerte des gleichnamigen, 2001 durchgeführten Experiments am Brookhaven National Laboratory bestätigen.
04.05.2021
Neuer Exoplanet um jungen sonnenähnlichen Stern entdeckt
Astronomen aus den Niederlanden, Belgien, Chile, den USA und Deutschland bilden neu entdeckten Exoplaneten „YSES 2b“ direkt neben seinem Mutterstern ab.
07.04.2021
Myon g-2: Kleines Teilchen mit großer Wirkung
Das Myon g-2-Experiment des Fermilab in den USA steht vor einem Sensationsmoment, der die Geschichte der Teilchenphysik neu schreiben könnte. Und vielleicht sogar Hinweise auf noch unbekannte Teilchen im Universum gibt.
02.04.2021
Zwei merkwürdige Planeten
Uranus und Neptun habe beide ein völlig schiefes Magnetfeld.
02.04.2021
Der erste interstellare Komet könnte der ursprünglichste sein, der je gefunden wurde
Neue Beobachtungen mit dem Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) deuten darauf hin, dass der abtrünnige Komet 2I/Borisov einer der ursprünglichsten ist, die je beobachtet wurden.
02.04.2021
Erstmals Atominterferometer im Weltraum demonstriert
Atominterferometer erlauben hochpräzise Messungen, indem sie den Wellencharakter von Atomen nutzen. Sie werden zum Beispiel für die Vermessung des Schwerefelds der Erde eingesetzt oder um Gravitationswellen aufzuspüren. Weitere Raketenmissionen sollen folgen.
02.04.2021
Sendungsverfolgung für eine Quantenpost
Quantenkommunikation ist abhörsicher, aber bislang nicht besonders effizient.
25.03.2021
Astronomen bilden Magnetfelder am Rand des Schwarzen Lochs von M 87 ab
Ein neuer Blick auf das massereiche Objekt im Zentrum der Galaxie M 87 zeigt das Erscheinungsbild in polarisierter Radiostrahlung.
24.03.2021
Die frühesten Strukturen des Universums
Das extrem junge Universum kann nicht direkt beobachtet werden, lässt sich aber mithilfe mathematischer Theorien rekonstruieren.
24.03.2021
Können Sternhaufen Teilchen höher beschleunigen als Supernovae?
Ein internationales Forschungsteam hat zum ersten Mal gezeigt, dass hochenergetische kosmische Strahlung in der Umgebung massereicher Sterne erzeugt wird. Neue Hinweise gefunden, wie kosmische Strahlung entsteht.
24.03.2021
Neue Resultate stellen physikalische Gesetze in Frage
Forschende der UZH und des CERN haben neue verblüffende Ergebnisse veröffentlicht.
21.03.2021
Elektronen eingegipst
Eine scheinbar einfache Wechselwirkung zwischen Elektronen kann in einem extremen Vielteilchenproblem zu verblüffenden Korrelationen führen.
21.03.2021
Chromatischer Lichtteilcheneffekt für die Entwicklung photonischer Quantennetzwerke enthüllt
Es ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Entwicklung von Anwendungen der Quanteninformationsverarbeitung. In einem Schlüsselexperiment ist es gelungen, die bislang definierten Grenzen für Photonenanwendungen zu überschreiten.
18.03.2021
Stratosphärische Winde auf Jupiter erstmals gemessen
Mit dem Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (ALMA) hat ein Team von Astronomen zum ersten Mal die Winde in der mittleren Atmosphäre des Jupiters direkt gemessen.
18.03.2021
Was Gravitationswellen über Dunkle Materie verraten
Die NANOGrav-Kollaboration hat kürzlich erste Hinweise auf sehr niederfrequente Gravitationswellen beobachtet.
18.03.2021
Filamente des kosmischen Netzwerks entdeckt
Einem internationalen Team von Astronominnen und Astronomen gelang zum ersten Mal die direkte Kartierung kosmischer Filamente im jungen Universum, weniger als zwei Milliarden Jahre nach dem Urknall. Die Beobachtungen zeigen sehr leuchtschwache Galaxien, und geben Hinweise auf deren Vorfahren.
18.03.2021
Blaupausen für das Fusionskraftwerk
Am 21 März 1991 erzeugte die Experimentieranlage ASDEX Upgrade im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching das erste Plasma.
12.03.2021
Was die reflektierte Strahlung von Exoplaneten verraten könnte
Als 1995 der erste Planet außerhalb unseres Sonnensystems gefunden wurde, war das eine Sensation, die später mit dem Physik-Nobelpreis gewürdigt wurde.
12.03.2021
Theoretische Lösung für Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit
Wenn Reisen zu fernen Sternen innerhalb der Lebenszeit eines Menschen möglich sein sollen, muss ein Antrieb gefunden werden, der schneller als Lichtgeschwindigkeit ist.
12.03.2021
Quantenkontrolle mit Fernbedienung
Quantentechnologien basieren auf der präzisen Kontrolle des Zustands und der Wechselwirkung einzelner Quantenteilchen.
12.03.2021
Wie Gesteine die Bewohnbarkeit von Exoplaneten beeinflussen
Die Verwitterung von Silikatgesteinen trägt massgeblich dazu bei, dass auf der Erde ein gemässigtes Klima herrscht.
12.03.2021
Roboter lernen schneller mit Quantentechnologie
Künstliche Intelligenz ist Teil unseres modernen Lebens und eine entscheidende Frage für praktische Anwendungen ist, wie schnell solche intelligenten Maschinen lernen können.
11.03.2021
Mikroskopisch kleine Wurmlöcher als theoretische Möglichkeit
In vielen Science-Fiction-Filmen spielen Wurmlöcher eine wichtige Rolle – als Abkürzung zwischen zwei weit entfernten Orten des Weltalls.
09.03.2021
Das am weitesten entfernte Radio-Leuchtfeuer im frühen Universum
Quasare sind die hellen Zentren von Galaxien, die von schwarzen Löchern angetrieben werden, und aktiv Materie ansammeln.
06.03.2021
Eine nahe, glühend heiße Super-Erde
In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten haben Astronomen Tausende von Exoplaneten aus Gas, Eis und Gestein aufgespürt.