Clifford-Algebra

Die Clifford-Algebra (nach William Kingdon Clifford) ist eine Assoziative Algebra, welche die komplexen und hyperkomplexen Zahlensysteme erweitert. Sie findet in der Differentialgeometrie sowie in der Quantenphysik Anwendung. Sie dient der Definition der Spin-Gruppe und ihrer Darstellungen, der Konstruktion von Spinorfeldern / -bündeln, die wiederum zur Beschreibung von Elektronen und anderen Elementarteilchen wichtig sind, sowie zur Bestimmung von Invarianten auf Mannigfaltigkeiten.

Die Frage nach komplexen Einheiten

Vorbetrachtung

Es gibt in der Mathematik Zahlensysteme (Divisionsalgebren mit Einselement) mit komplexen Einheiten, genauer die komplexen Zahlen, die Quaternionen und Oktaven. In diesen können jeweils 1, 3 oder 7 Elemente $ \mathbf i_k $ fixiert werden, welche mit der 1 zusammen den Zahlenraum als reellen Vektorraum aufspannen und welche (nicht nur) $ (\mathbf i_k)^2=-1 $ erfüllen. Manchmal reicht das nicht aus. Zu einer beliebigen Anzahl $ n $ werden Strukturen gesucht, welche die reellen Zahlen und Elemente $ \mathbf i_1,\dots,\mathbf i_n $ enthalten und in der ein Produkt $ \circ $ definiert ist, welches die Bedingungen

$ \mathbf i_k\circ\mathbf i_l+\mathbf i_l\circ\mathbf i_k=2\sigma_k\delta_{kl} $

erfüllt, wobei $ \delta_{kl} $ das Kroneckersymbol ist und $ \sigma_k=\pm1 $. Das Verknüpfungssymbol lässt man gerne weg.

Die Elemente $ \mathbf i_k $ heißen die Erzeugenden oder Generatoren der Clifford-Algebra. Das Produkt aller Erzeugenden wird durch $ \omega $ bezeichnet, $ \omega = \mathbf i_1\mathbf i_2\cdots\mathbf i_n $. Das Quadrat von $ \omega $ kann +1 oder -1 sein.

Diese Struktur ist, bis auf die genannten Beispiele, kein Zahlensystem in obigem Sinne, sondern kann nur als Algebra realisiert werden, in welcher die $ \mathbf i_k $ Erzeugende sind. Eine solche Algebra wird Clifford-Algebra genannt, nach William Kingdon Clifford, der sie im Jahr 1878 entdeckt hat. Sie wird mit $ Cl(p,q) $ oder $ Cl(p,q,\R) $ bezeichnet, falls

$ \sigma_1=\dots=\sigma_p=-1 $ und $ \sigma_{p+1}=\dots=\sigma_{p+q}=1 $

und sonst keine algebraische Beziehung der Erzeugenden gilt.

Bis hierher haben wir formale Rechenregeln aufgestellt, wissen aber noch nichts über die Existenz, Eindeutigkeit und Struktur einer solchen Algebra. Dieses Problem ist sofort gelöst, wenn man die Clifford-Algebra als Teil einer reellen Matrixalgebra darstellen kann.

Allgemeinere Betrachtung

Im mathematischen Teil werden die Rechenregeln durch eine universelle Eigenschaft ergänzt und die Clifford-Algebra aus einer Tensoralgebra konstruiert. Es sei vorerst nur angemerkt, dass die Erzeugenden $ \mathbf i_1,\dots,\mathbf i_n $ einen reellen (Unter-)Vektorraum $ V $ der Dimension n=p+q innerhalb der Algebra aufspannen. Summiert man die definierende Eigenschaft über die Koordinatendarstellung eines Vektors $ \vec v=x^1i_1+\dots+x^ni_n $ dieses Vektorraums, so ergibt sich eine koordinatenfreie (in physikalischer Sprechweise: kovariante) Darstellung der definierenden algebraischen Relation.

$ \vec v\circ \vec v=-Q(\vec v)\cdot 1_\R $, wobei

$ Q(\vec v):=(x^1)^2+\dots+(x^p)^2-(x^{p+1})^2-\dots-(x^n)^2 $ eine quadratische Funktion auf $ V $ ist, welche ein (Pseudo-)Skalarprodukt definiert:

$ Q(t\vec v)=t^2Q(\vec v) $ und
$ \langle\vec v,\vec w\rangle:=\frac14Q(\vec v+\vec w)-\frac14Q(\vec v-\vec w) $.

Die Erzeugenden bilden dann eine Orthonormalbasis auf $ (V,\langle\cdot,\cdot\rangle) $.

Ein solches Paar aus reellem Vektorraum und darauf definierter quadratischer Funktion $ (V,Q) $ ist der Ausgangspunkt für die mathematische Theorie der Clifford-Algebren.

Beispiele

  • Die komplexen Zahlen $ \C $ können als einfachste Clifford-Algebra $ Cl(1,0) $ mit einer einzigen Erzeugenden verstanden werden. Der Vektorraum $ V $ ist eindimensional von $ i $ erzeugt, also $ V = i \R $; die quadratische Form ist $ Q(ix) = x^2 $. Die Algebra ist als reeller Vektorraum zweidimensional mit $ 1 $ und $ i $ als Basiselementen; sie lässt sich identifizieren mit der Algebra der 2x2-Matrizen
$ aI+bJ:=\begin{pmatrix}a&-b\\b&a\end{pmatrix} $.
  • Die Quaternionen ergeben sich aus der Clifford-Algebra $ Cl(2,0) $. Die Erzeugenden $ (i,j) $ haben ein nichttriviales Produkt $ k=i\cdot j $, aus den definierenden Eigenschaften des Produkts ergibt sich, dass es mit dem Produkt der Quaternionen übereinstimmt. Der Vektorraum $ V $ ist reell zweidimensional, die Algebra reell vierdimensional. Eine Matrixdarstellung ist die Teilalgebra der komplexen 2x2-Matrizen
$ \begin{pmatrix}a&b\\-\bar b&\bar a\end{pmatrix} $,
durch Einsetzen der reellen 2x2-Matrizen der komplexen Zahlen $ a $ und $ b $ ergibt sich eine Teilalgebra der reellen 4x4-Matrizen.
  • $ Cl(0,1) $, die Algebra der anormal-komplexen Zahlen, hat ein Erzeugendes $ i $ mit Quadrat 1. Daher können Elemente $ a + b\,\mathrm i $ der reell 2-dimensionalen Algebra in zwei Summanden aufgespaltet werden $ \tfrac 1 2\,(a+b)\,(1+\mathrm i) + \tfrac 1 2\,(a-b)\,(1-\mathrm i) $, von denen der erste unter Multiplikation mit $ i $ sein Vorzeichen behält und der zweite sein Vorzeichen ändert. In der Multiplikation zweier Elemente multiplizieren sich diese Summanden separat, wie in der Multiplikation zweier Diagonalmatrizen. Die Algebra ist also isomorph zur direkten Summe zweier Kopien von $ \R $, $ Cl(0,1)\cong\R\oplus\R $.

Definition

Mit $ \mathbb{K} \in \{\R, \C\} $ wird im Folgenden der Körper der reellen Zahlen $ \R $ beziehungsweise der komplexen Zahlen $ \C $ bezeichnet. Es sei $ V $ ein endlichdimensionaler Vektorraum über dem Körper $ \mathbb K $ und $ q \colon V \times V \to \mathbb{K} $ eine symmetrische Bilinearform auf $ V $ beziehungsweise $ Q(v) := q(v,v) $ eine quadratische Form.

Die Clifford-Algebra des quadratischen Raums $ (V,Q) $ ist die Algebra über $ \mathbb{K} $ bestehend aus den Elementen aus $ V $ zusammen mit der Verknüpfung

$ v \cdot w + w \cdot v = -2 q(v,w)\,, $

für $ v\,, w \in V $. Diese Algebra wird mit $ Cl(V,Q) $ bezeichnet.[1]

Alternative Definitionen

Die Clifford-Algebra ist ein aus mathematischer Sicht natürliches Konstrukt zu einem Vektorraum mit darauf definierter quadratischer Form, denn sie kann als initiales Objekt einer Kategorie charakterisiert werden.

Als initiales Objekt

Man betrachte die Kategorie aller assoziativen $ \mathbb K $-Algebren $ A $, in welche $ V $ eingebettet ist, das heißt aller Paare $ (A,j) $ mit $ j \colon V\to A $ linear, die zusätzlich noch die Eigenschaft

$ j(v)\cdot j(v)=-Q(v)\cdot 1_A $ für alle $ v $ aus $ V $

beziehungsweise die äquivalente Aussage

$ j(v)\cdot j(w)+j(w)\cdot j(v)=-2q(v,w)\cdot 1_A $

für alle $ v $, $ w $ aus $ V $ erfüllen. Die Morphismen dieser Kategorie sind Algebrenmorphismen, die die eingebetteten Kopien von V ineinander überführen, das heißt $ \phi \colon (A,j)\to (B,k) $ erfüllt nicht nur $ \phi(ab)=\phi(a)\phi(b) $, sondern auch $ \phi(j(v))=k(v) $.

Ein initiales Objekt einer Kategorie ist dadurch ausgezeichnet, dass es zu jedem anderen Objekt der Kategorie genau einen Morphismus gibt. Wenn es mehrere initiale Objekte gibt, dann sind diese isomorph. Jedes initiale Objekt $ (A,j) $ der hier betrachteten Kategorie, sofern überhaupt eins existiert, wird Clifford-Algebra $ Cl(V,Q)=A $ genannt. Zu jedem weiteren Paar $ (B,k) $ der Kategorie gibt es also einen eindeutig bestimmten Algebrenmorphismus $ \varphi \colon Cl(V,Q) \to B $ mit $ k=\varphi\circ j $.

Es sei im Folgenden $ V $ mit seiner Einbettung $ j(V)\subset Cl(V,Q) $ identifiziert, das heißt, die Abbildung $ j $ wird nicht mehr explizit erwähnt.

Konstruktion in der Tensoralgebra

In der Tensoralgebra $ T(V) $ sei das Ideal $ \mathcal I:=\mbox{span}_{T(V)}\{v\otimes w + w \otimes v + q(v,w):\;v\,, w \in V\} $ definiert. Dann ist der Quotient $ T(V)/\mathcal I $ eine Realisierung der Clifford-Algebra $ Cl(V,Q) $.[1]

Spezielle Clifford-Algebren

  • Falls $ V \cong \R^n $ ein n-dimensionaler Vektorraum mit Standardskalarprodukt ist, so wird die Clifford-Algebra auch mit $ Cl(n,0) $ bezeichnet. Die Erzeugenden sind dann die kanonischen Basisvektoren $ \mathbf i_k:=\mathbf e_k $, die quadratische Form die Quadratsumme der Koordinaten.
  • Ist der Raum $ V=\mathbb{R}^n $ ein Minkowski-Raum der Signatur $ (p,q) $ mit Dimension $ n:=p+q $, das heißt die quadratische Form ist gegeben durch
$ Q(\vec x)=x_1^2+\dots+x_p^2-x_{p+1}^2-\dots-x_n^2\,, $
so wird die Clifford-Algebra auch mit $ Cl(p,q)=Cl(p,q,\mathbb R) $ bezeichnet.
  • Zu jeder reellen Clifford-Algebra kann auch die komplexifizierte Algebra $ \mathbb Cl(p+q):=Cl(p,q,\mathbb R)\otimes \mathbb C $ definiert werden, hier sind alle nicht ausgearteten Bilinearformen zueinander isomorph.

Eigenschaften

Graduierung

Die Abbildung

$ \begin{align} j_- \colon V &\to Cl(V,Q)\\ v &\mapsto j_- (v) := -v \end{align} $

erfüllt ebenfalls die definierende Identität $ j_-(v)^2=-Q(v) $, somit gibt es wegen der universellen Eigenschaft einen Algebrenisomorphismus $ \kappa \colon Cl(V,Q)\to Cl(V,Q) $ mit $ \kappa(v)=-v $ für alle $ v\in V $ und $ \kappa^2=\mathrm{id} $. Damit zerfällt die Clifford-Algebra in einen geraden Teil

$ Cl^0(V,Q) :=\mathrm{Kern}(\mathrm{id}- \kappa) = \mathrm{Bild}(\mathrm{id}+ \kappa) $

und einen ungeraden Teil $ Cl^1(V,Q) :=\mathrm{Kern}(\mathrm{id}+ \kappa) = \mathrm{Bild}(\mathrm{id}- \kappa)\,. $

Diese Zerlegung erzeugt eine $ \mathbb Z_2 $–Graduierung der Algebra, Produkte gerade-gerade und ungerade-ungerade ergeben gerade Elemente, Produkte gerade-ungerade ergeben ungerade Elemente. So sind Produkte mit einer geraden Anzahl von Faktoren aus V gerade, Produkte mit einer ungeraden Anzahl von Faktoren aus V ungerade.

$ Cl^0(V,Q) $ ist eine Unteralgebra der Clifford-Algebra und wird auch als zweite Clifford-Algebra bezeichnet, $ Cl^1(V,Q) $ ist ein lediglich ein Modul bezüglich $ Cl^0(V,Q) $.

Filtrierte Algebra

Da die Clifford-Algebra als Quotient aus der Tensoralgebra aufgefasst werden kann und die Tensoralgebra eine natürliche Filtrierung besitzt, kann auch für die Clifford-Algebra eine Filtrierung erklärt werden. Die Abbildung $ \pi_Q \colon T(V) \to Cl(V,Q) $ ist die natürliche Projektion von der Tensoralgebra in den Quotientenraum $ Cl(V,Q) $ und $ T_1(V) \subset T_2(V) \subset \cdots \subset T(V) $ die Filtrierung der Tensoralgebra. Setzt man $ Cl_i(V,Q) = \pi_Q(T_i(V)) $ so wird die Clifford-Algebra ebenfalls zu einer filtrierten Algebra.[2]

Beziehung zur Graßmann-Algebra

Die Graßmann-Algebra $ \Lambda V $ eines reellen Vektorraumes $ V $ ist die Clifford-Algebra $ Cl(V,0) $ mit der trivialen quadratischen Form $ Q=0 $. Innerhalb einer beliebigen Clifford-Algebra kann die Graßmann-Algebra konstruiert werden, indem das Keilprodukt als $ u\wedge v= \tfrac{1}{2}(uv-vu) $ – und analog als alternierende Summe bei mehr als zwei Faktoren – definiert wird.

Es kann umgekehrt jede Clifford-Algebra $ Cl(V,Q) $ innerhalb der Graßmann-Algebra $ \Lambda V $ konstruiert werden, indem in dieser ein neues Produkt $ \circ $ definiert wird als

$ v\circ w:=v\wedge w-q(v,w) $.

Die Dimension der Algebra bleibt dabei erhalten, sie ist $ 2^n $, wobei $ n=\dim(V) $.

Diese Beziehung ist unter anderem für die Quantisierung supersymmetrischer Feldtheorien wichtig.

Beziehung zur orthogonalen Gruppe

Sei $ V $ ein Vektorraum mit nicht ausgearteter symmetrischer Bilinearform $ q $ und $ Q(v)=q(v,v) $. In der Clifford-Algebra $ Cl(V,Q) $ können dann Spiegelungen in $ V $ dargestellt werden. Dazu wird eine elementare Folgerung aus der Struktur des Produkts benutzt:

$ \frac{vxv}{\langle v,v\rangle}=-\frac{(2\langle v,x\rangle+xv)v}{\langle v,v\rangle}=-2\frac{\langle v,x\rangle v}{\langle v,v\rangle}+x. $

Ist $ v $ ein Einheitsvektor, $ |\langle v,v\rangle|=1 $, so ist die Abbildung $ v\mapsto S(v) $, $ S(v)x:=\tfrac{vxv}{\langle v,v\rangle}=\pm vxv $ die Spiegelung an der zu $ v $ senkrechten Hyperebene. Jede Spiegelung ist eine orthogonale Abbildung, somit ist die von den Spiegelungen erzeugte Gruppe eine Untergruppe der orthogonalen Gruppe.

Die Pin-Gruppe

Umgekehrt lässt sich jede orthogonale Abbildung in ein Produkt aus Spiegelungen zerlegen, siehe Householdertransformation beziehungsweise QR-Zerlegung. Die Zerlegung ist nicht eindeutig, aber die Clifford-Produkte der Einheitsvektoren der Spiegelmatrizen unterscheiden sich höchstens im Vorzeichen.

Zunächst wird die Pin-Gruppe als Menge aller Produkte von Einheitsvektoren definiert:

$ \operatorname{Pin}(V):=\{v_1\dots v_k:k\in\mathbb N, v_i\in V, \langle v_i,v_i\rangle=\pm1\}. $

Diese Menge ist ein Untermonoid des multiplikativen Monoids der Clifford-Algebra und wird zur Gruppe durch die Existenz eines Inversen: $ v_1\dots v_kv_k\dots v_1=\pm 1 $. Es gibt Produkte, deren Faktoren unterschiedlich sind, die aber dasselbe Element der Pin-Gruppe bezeichnen, etwa gilt für orthogonale Einheitsvektoren $ v $ und $ w $ mit $ Q(v)=Q(w) $ und jedes Paar $ (c,s)=(\cos\,\alpha, \sin\,\alpha) $

$ (cv-sw)(sv+cw)=vw $.

Jedoch gilt, dass jedem Element aus $ \operatorname{Pin}(V) $ genau eine orthogonale Abbildung

$ \tilde S(v_1\dots v_k)(\cdot):=v_1\dots v_k(\cdot)(v_1\dots v_k)^{-1}=S(v_1)S(v_2)\dots S(v_k)(\cdot) $

entspricht, deren Unabhängigkeit von der gewählten Faktorisierung aus der Eindeutigkeit des Inversen folgt. Weiter ist bekannt, dass $ \tilde S\colon\operatorname{Pin}(V)\to O(V) $ surjektiv der Ordnung 2 ist, d. h. eine zweifache Überlagerung. Die Urbilder der gleichen orthogonalen Abbildung unterscheiden sich nur um das Vorzeichen.

Die Spin-Gruppe

Physikalisch und geometrisch bedeutsam ist aber eine Untergruppe der Pin-Gruppe, die Spin-Gruppe

$ \mbox{Spin}(V):=\{v_1\dots v_{2k}\in\mbox{Pin}(V):k\in\mathbb N\}=\mbox{Pin}(V)\cap Cl^0(V) $

der Produkte mit gerader Anzahl von Faktoren (aus der spielerischen Neudeutung der Spin-Gruppe als „spezielle Pin-Gruppe“ ergab sich der Begriff „Pin“-Gruppe). Von dieser ist bekannt, dass sie eine zweifache Überlagerung der speziellen orthogonalen Gruppe $ SO(V) $ ist, sowie dass sie, sofern die Dimension des zugrundeliegenden Vektorraumes größer als 2 ist, einfach zusammenhängend, das heißt universelle Überlagerung ist. Da die Matrixgruppe $ SO(n) $ eine Darstellung vom Gewicht 2 von $ \mbox{Spin}(n) $ ist, sagt man in der Physik auch, dass Darstellungen der Spin-Gruppe vom Gewicht 1 Spin-$ \tfrac{1}{2} $-Darstellungen der orthogonalen Gruppe seien.

Die komplexe Clifford-Algebra

Sei $ \R^n $ der reelle Vektorraum mit dem Standardskalarprodukt $ q $. Dann ist die komplexe Clifford-Algebra $ \C l(n) $ definiert als die Komplexifizierung von $ Cl(\R^n,q) $, das heißt, es gilt

$ \C l(n) := Cl(\R^n,q) \otimes \C\,. $

Diese Definition ist unabhängig vom komplexifizierten Skalarprodukt, denn auf $ \C^n $ gibt es genau eine eindeutig bestimmte, nicht ausgeartete quadratische Form.

Darstellungen

Eine Darstellung einer Algebra ist eine Einbettung dieser in die Algebra der Endomorphismen eines Vektorraums, also (nach Basiswahl) in eine Matrixalgebra. Dabei können die Matrizen reelle, komplexe oder quaternionische Einträge haben.

Es lässt sich zeigen, dass jede Clifford-Algebra zu einer Matrixalgebra oder der direkten Summe zweier Matrix-Algebren über den reellen Zahlen $ \mathbb R $, den komplexen Zahlen $ \mathbb C $ oder den Quaternionen $ \mathbb H $ isomorph ist.

Reelle Clifford-Algebra

Die Zuordnung und Dimension der reellen Clifford-Algebren tabelliert sich wie folgt:

(pq) mod 8 ω2 Cl(p,q,ℝ)
(p+q = 2m)
(pq) mod 8 ω2 Cl(p,q,ℝ)
(p+q = 2m + 1)
0 + M(2m, ℝ) 1 M(2m, ℂ)
2 M(2m−1, ℍ) 3 + M(2m−1, ℍ) ⊕ M(2m−1, ℍ)
4 + M(2m−1, ℍ) 5 M(2m, ℂ)
6 M(2m, ℝ) 7 + M(2m, ℝ) ⊕ M(2m, ℝ)

Dabei gelten die folgenden allgemeinen Isomorphien:

  • $ Cl(d,0)\otimes Cl(0,2)\cong Cl(0,d+2) $
  • $ Cl(0,d)\otimes Cl(2,0)\cong Cl(d+2,0) $
  • $ Cl(p,q)\otimes Cl(1,1)\cong Cl(p+1,q+1) $

Komplexe Clifford-Algebra

Die Darstellung der komplexen Clifford-Algebra ist einfacher als die der reellen. Es gilt nämlich

$ \C l(n) \cong \begin{cases} M \left(2^{\frac{n}{2}},\C \right) & n\ \mbox{gerade}\\ M \left(2^{\frac{n-1}{2}}, \C\right) \oplus M \left(2^{\frac{n-1}{2}}, \C\right) & n\ \mbox{ungerade} \,. \end{cases} $

In diesem Zusammenhang gilt die Isomorphie

$ \C l(n)\otimes M(2,\mathbb C)\cong \C l(n+2)\,, $

die auch essentiell für den Beweis der Darstellung ist. Ist $ n $ gerade, so nennt man $ \C^m $ mit $ m = 2^{\frac{n}{2}} $ der natürlichen Graduierung $ \R^m \oplus \R^m $ in diesem Zusammenhang Spinor-Modul.

Niedrigdimensionale Beispiele

Die Dimension von $ Cl(p,q) $ als reeller Vektorraum ist 2p+q. Damit lässt sich die Clifford-Algebra durch reelle Matrizen dieser Dimension darstellen, welche die Multiplikation in der Algebra beschreiben. Diese Darstellung ist nicht minimal, d.h. es gibt Matrizen geringerer Dimension, welche das gleiche leisten, siehe [1] und die Beispiele unten.

  • $ Cl(1,0)\cong \C $
hat den Generator $ e_1 $ mit $ e_1^2=-1 $. Es gibt also eine komplex eindimensionale Darstellung, welche $ e_1 $ auf die imaginäre Einheit i abbildet, und die entsprechende reell zweidimensionale.
  • $ Cl(0,1)\cong \R\oplus \R $
Der Generator ist $ e:=e_1 $ mit $ e^2=1 $. Jedes Element $ a+be $ der Algebra kann in zwei Summanden $ \tfrac{1}{2}(a+b)(1+e) $ und $ \tfrac{1}{2}(a-b)(1-e) $ aufgespaltet werden. Da $ (1+e)(1-e)=0 $ gilt, erhält sich diese Aufspaltung unter Produktbildung. Die Clifford-Algebra ist also isomorph zum $ \R^2 $ mit komponentenweisem Produkt, wobei $ e $ dem Element $ (1,-1) $ entspricht und das Einselement dem Element $ (1,1) $. Diese direkte Summe zweier Algebren kann auch als Algebra der 2x2-Diagonalmatrizen realisiert werden.
  • $ Cl(2,0)\cong \mathbb H $
hat die Generatoren $ i:=e_1 $ und $ j:=e_2 $ und deren Produkt k=ij mit den Relationen
$ i^2=j^2=-1,\;k=ij=-ji,\;ijk=k^2=-ijji=-1,\; $.
Man rechnet nach, dass dies zur Algebra der Quaternionen isomorph ist.
  • $ Cl(1,1)\cong M_2(\R) $
hat die Generatoren $ i $ und $ e $, $ i^2=-1 $, $ e^2=1 $ und $ ie=-ei $. Man überzeugt sich, dass die Generatoren folgenden reellen 2x2-Matrizen entsprechen:
$ 1=\begin{pmatrix}1&0\\0&1\end{pmatrix},\; e=\begin{pmatrix}1&0\\0&-1\end{pmatrix},\; i=\begin{pmatrix}0&-1\\1&0\end{pmatrix},\; ie=\begin{pmatrix}0&1\\1&0\end{pmatrix} $
somit alle reellen Matrizen erreicht werden.
  • $ Cl(0,2)\cong M_2(\R) $
hat die Generatoren $ e_1 $ und $ e_2 $ mit Quadrat 1, deren Produkt $ i:=e_1 e_2 $ hat das Quadrat $ -1 $, somit ist diese Algebra isomorph zur vorhergehenden.

Quantenphysikalisch bedeutsame Beispiele

  • $ Cl(3,0)\cong Cl(2,0)\otimes Cl(0,1)\cong\mathbb H\oplus\mathbb H $ (Biquaternionen)
hat die Erzeuger $ e_1 $, $ e_2 $ und $ e_3 $ mit den Relationen
$ (\mathbf e_i)^2=-1 $, $ \mathbf e_i\mathbf e_k=-\mathbf e_k\mathbf e_i $, $ (\mathbf e_i\mathbf e_k)^2=-1 $, $ (\mathbf e_1\mathbf e_2\mathbf e_3)^2=1 $.
Sowohl reelle als auch komplexe Darstellungen zerfallen als $ V=V_+\oplus V_- $, wobei $ V_+ $ Nullraum des Projektors $ (1-\omega)/2 $ und $ V_- $ Nullraum des Projektors $ (1+\omega)/2 $ mit $ \omega:=e_1e_2e_3 $ ist. Es gilt $ e_k\omega=\omega e_k $, so dass beide Untervektorräume voneinander unabhängige Unterdarstellungen erzeugen.
Eine rein negative Darstellung, d.h. mit $ V_+=0 $, ist direkt zur Quaternionen-Algebra isomorph,
$ e_1\to i, e_2\to j, e_3\to k $,
eine rein positive ist konjugiert isomporph,
$ e_1\to -i, e_2\to -j, e_3\to -k $.
In beiden Fällen gilt das zu $ Cl(2,0,\mathbb R) $ gesagte.
  • $ Cl(2,1)\cong Cl(1,1)\otimes Cl(1,0)\cong M_2(\C) $
  • $ Cl(1,2)\cong Cl(1,1)\otimes Cl(0,1)\cong M_2(\R)\oplus M_2(\R) $
  • $ Cl(0,3)\cong Cl(0,2)\otimes Cl(1,0)\cong \mathbb H\otimes_{\mathbb R}\mathbb C $
  • $ Cl(4,0)\cong Cl(2,0)\otimes Cl(0,2)\cong M_2(\H) $
Der gerade Teil dieser Algebra, der die $ Spin_4 $-Gruppe enthält, ist zu $ Cl(3,0) $ isomorph. Er wird erzeugt von $ \mathbf f_1:=\mathbf e_1\mathbf e_4,\; \mathbf f_2:=\mathbf e_2\mathbf e_4\; \mathbf f_3:=\mathbf e_3\mathbf e_4 $, es ist z. B. $ \mathbf e_1\mathbf e_2=\mathbf f_1\mathbf f_2 $.
  • $ Cl(3,1)\cong Cl(1,1)\otimes Cl(2,0)\cong M_2(\H) $
$ Cl^0(3,1)\cong Cl(3,0)\cong\mathbb H\oplus\mathbb H $ oder
$ Cl^0(3,1)\cong Cl(2,1)\cong M_2(\C) $
  • $ Cl(1,3)\cong Cl(1,1)\otimes Cl(0,2)\cong M_4(\R) $
$ Cl^0(1,3)\cong Cl(0,3)\cong\mathbb H\otimes_{\mathbb R}\mathbb C $ oder
$ Cl^0(1,3)\cong Cl(1,2)\cong M_2(\R)\oplus M_2(\R) $

Literatur

  • Bartel L. van der Waerden: Algebra. 9. Auflage. Band 1. Springer, Berlin u. a. 1993, ISBN 3-540-56799-2.
  • Bartel L. van der Waerden: A history of Algebra. From al-Khwārizmī to Emmy Noether. Springer, Berlin u. a. 1985, ISBN 3-540-13610-X.
  • H. Blaine Lawson, Marie-Louise Michelsohn: Spin Geometry (= Princeton Mathematical Series. Bd. 38). Princeton University Press, Princeton NJ 1989, ISBN 0-691-08542-0.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Nicole Berline, Ezra Getzler, Michèle Vergne: Heat kernels and Dirac operators (= Die Grundlehren der mathematischen Wissenschaften in Einzeldarstellungen. Bd. 298). Springer, Berlin u. a. 1992, ISBN 0-387-53340-0, S. 100.
  2. H. B. Lawson, M.-L. Michelsohn: Spin Geometry. 1989, S. 9–10.