Bezugsort der kalendarischen Sothis-Aufgänge

Bezugsort der kalendarischen Sothis-Aufgänge

Bezugsort der kalendarischen Sothis-Aufgänge (Ägypten)
Kanopus
Kanopus
Memphis
Memphis
Theben
Theben
Elephantine
Elephantine
Karte von Ägypten

In der Ägyptologie wird unter Bezugsort der kalendarischen Sothis-Aufgänge jene geografische Region im Alten Ägypten verstanden, auf die sich die Aufzeichnung von heliakischen Aufgängen des Sterns Sothis bezieht. Der Bezugsort kann mit dem Beobachtungsort der kalendarischen Sothis-Aufgänge identisch sein, muss es aber nicht; beispielsweise galt die Greenwich-Zeit von 1884 bis 1926 als Bezugsort der Weltzeit und wurde danach durch die Universal Time (UT) ersetzt.

Bezugs- und Beobachtungsorte von Sothis

Bei der Wahl des Ortes für die Beobachtung des heliakischen Aufgangs von Sothis ergab sich für die Ägypter zumindest ein Problem: Die Sothis-Aufgänge fanden nicht zeitgleich statt. Vom südlichsten Punkt Elephantine erfolgte die heliakische Sichtung in nördlicher Richtung zeitversetzt. In Alexandria konnte Sothis mindestens erst 7 bis 8 Tage später beobachtet werden. Die Festlegung auf einen zentralen Ort wie Memphis hatte für die Ägypter die Folge, dass die ausgerufenen Daten für den Süden als verspätet und für den Norden als verfrüht galten.

Richard Lepsius erwog einen feststehenden Bezugsort, der für ganz Ägypten nur minimale Abweichungen aufweist. Da sich jedoch keine historischen Argumente für diese Möglichkeit fanden, strichen die Ägyptologen seine Erwägungen aus der Diskussion. Die ägyptische Chronologie ging zunächst von Memphis als festen Bezugsort aus. In diesem Zusammenhang lag es nahe, Memphis als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum zu sehen. Neuere astronomische und historische Daten sprechen allerdings gegen Memphis als „Aufzeichnungsort von Sothis“ in der Frühzeit Altägyptens.

Ältere Epochen

Gegenüber der früheren traditionellen Annahme von Memphis als Beobachtungsort befanden sich auch die Orte Theben und Elephantine in der Diskussion. Von beiden Orten ermöglicht jedoch nur Elephantine eine synchrone Einordnung vom Ebers-Kalender mit der ägyptischen Chronologie.

Jürgen von Beckerath vermutete für die Epochen vor der Spätzeit einen wechselnden Bezugsort.[1] Die Annahme steht jedoch im Widerspruch zur Praxis der Festdaten im ägyptischen Kalender sowie in der ursprünglichen Koppelung des heliakischen Sothisaufgangs an den 1. Achet I. Die Analyse der Aufzeichnungen von älteren Sothisdaten zeigt zudem, dass die Nutzung von nur einem Bezugsort praktiziert wurde.

Griechisch-römische Zeit

Mit großer Wahrscheinlichkeit galt in der griechisch-römischen Zeit Memphis oder Alexandria als Bezugsort. Eine beiläufige Erwähnung des spätantiken Autors Olympiodor aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. macht diese Aussage möglich. Nach ihm wurde die heliakische Sothis-Sichtung in Alexandria dann gefeiert, wenn „der Stern der Memphiten“ aufging. Olympiodors Interesse galt der Klärung von politischen Fragen der ägyptischen Geschichte. Die relevanten kalendarisch-astronomischen Fragen fielen nicht in sein Forschungsgebiet, weshalb in seinem Hinweis keine verfälschende Tendenz zu bemerken ist.

Bezugsort Elephantine

Mythologische Verbindungen

Für die mythologische Grundlage, die oberägyptische Region von Elephantine als ursprünglichen Bezugsort zu wählen, sprechen mehrere Gegebenheiten. Das Vereinigungsfest basiert auf der Reichseinigung, die von Oberägypten ausging. Die Mehrzahl der prägenden frühzeitlichen Kultzentren lagen ebenfalls in Oberägypten. Kurt Sethe postulierte dagegen Heliopolis in Unterägypten als vorgeschichtliches Zentrum.[2] Neuere Untersuchungen können Sethes Annahme nicht bestätigen. Der Ägyptologe Jochem Kahl konnte nachweisen, dass die rote Krone des Nordens in der Frühzeit den Norden im oberägyptischen Naqada meinte.[3]

Das Gebiet um Elephantine ist zur Zeit der Sommersonnenwende die einzige „schattenlose“ Region in Ägypten, wenn die Sonne mittags im Zenit kulminiert, eine Besonderheit, die Herodot in seinen Berichten erwähnt.[4] In der ägyptischen Mythologie bewirkte die Göttin Sopdet bei ihrem heliakischen Aufgang das Einsetzen der Nilschwemme, die ihren Anfang in den „Quellen des Nils bei Elephantine hatte“. Damit verbunden waren die in Elephantine vorgenommenen Messungen der Nilhöhe in Verbindung der Landwirtschaft von großer Bedeutung.

Astronomische Grundlagen

Die Verlegung des Bezugsortes von Elephantine nach Memphis ist aus astronomischer Sicht zweifelsfrei bewiesen. Dem Datum des Kanopus-Dekrets lag Memphis beziehungsweise das Nildelta als Bezugsort zugrunde. Die Aufzeichnung des heliakischen Aufgangs im Ebers-Kalender unter Amenophis I. war für den 9. Schemu III protokolliert. Zwischen dem 1. Schemu II und dem 9. Schemu III liegen 38 Tage, weshalb das „Ebers-Datum“ sich in den Jahren 89 bis 86 v. Chr. wiederholt hatte, wenn Memphis als Bezugsort gewählt war.[5]

Im Zuge des Sothis-Zyklus muss das „Memphis-Datum des Ebers-Kalender“ unter Amenophis I. auf die Jahre 1544 bis 1541 v. Chr. fallen, was in Rückrechnung die Gründung der 18. Dynastie unter Ahmose I. in die Jahre 1577 bis 1574 v. Chr. verlegen würde. Da diese Änderung auf Grundlage der altägyptischen Chronologie ausgeschlossen werden kann, beweist das Ebers-Datum zwei unterschiedliche Bezugsorte. Für die Zeit von Amenophis I. kommt nur Elephantine in Frage, während in griechisch-römischer Zeit für die Aufzeichnungen Memphis oder das Nildelta als Bezugsort diente.[5]

Heliakischer Aufgang Sothis mit Bezugsort Memphis/Nildelta
Vorfall Ägyptisches Datum Mögliche Jahre
Ebers-Kalender (Datum) 9. Schemu III 89 bis 86 v. Chr.
Kanopus-Dekret 1. Schemu II 241 bis 238 v. Chr.
Ebers-Kalender 9. Schemu III 1544 bis 1541 v. Chr.
Sesostris III. (7. Regierungsjahr) 16. Peret IV 1875 bis 1872 v. Chr.

Siehe auch

Literatur

  • Rolf Krauss: Sothis- und Monddaten. Studien zur astronomischen und technischen Chronologie Altägyptens (= Hildesheimer ägyptologische Beiträge. Bd. 20). Gerstenberg, Hildesheim 1985, ISBN 3-8067-8086-X.
  • Hieratische Papyri aus den Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz. Lieferung 1: Ulrich Luft: Das Archiv von Illahun. Akademie-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-05-001854-2.

Einzelnachweise

  1. Jürgen von Beckerath: Noch einmal zu den Bezugspunkten der Sothisdaten. In: Göttinger Miszellen. (GM). Nr. 83, 1984, S. 13–14.
  2. Kurt Sethe: Urgeschichte und älteste Religion der Ägypter (= Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes. Bd. 18, 4, ISSN 0567-4980). Deutsche morgenländische Gesellschaft. Leipzig 1930, § 110 (Nachdruck. Kraus, Nendeln 1966).
  3. Jochem Kahl: Ober- und Unterägypten: Eine dualistische Konstruktion und ihre Anfänge. In: Rainer Albertz (Hrsg.): Räume und Grenzen. Topologische Konzepte in den antiken Kulturen des östlichen Mittelmeerraums (= Quellen und Forschungen zur antiken Welt. Bd. 52). Utz, München 2007, ISBN 978-3-8316-0699-3, S. 3–28 (online).
  4. Herodot: Historien, Buch 2, 118.
  5. 5,0 5,1 Rolf Krauss: Sothis- und Monddaten. 1985, S. 70–71.

Diese Artikel könnten dir auch gefallen



Die letzten News


27.07.2021
Topologie in der Biologie
Ein aus Quantensystemen bekanntes Phänomen wurde nun auch im Zusammenhang mit biologischen Systemen beschrieben: In einer neuen Studie zeigen Forscher dass der Begriff des topologischen Schutzes auch für biochemische Netzwerke gelten kann.
26.07.2021
Nadel im Heuhaufen: Planetarische Nebel in entfernten Galaxien
Mit Daten des Instruments MUSE gelang Forschern die Detektion von extrem lichtschwachen planetarischen Nebeln in weit entfernten Galaxien.
26.07.2021
Langperiodische Schwingungen der Sonne entdeckt
Ein Forschungsteam hat globale Schwingungen der Sonne mit sehr langen Perioden, vergleichbar mit der 27-tägigen Rotationsperiode der Sonne, entdeckt.
26.07.2021
Ein Stoff, zwei Flüssigkeiten: Wasser
Wasser verdankt seine besonderen Eigenschaften möglicherweise der Tatsache, dass es aus zwei verschiedenen Flüssigkeiten besteht.
26.07.2021
Ins dunkle Herz von Centaurus A
Ein internationales Forscherteam hat das Herz der nahegelegenen Radiogalaxie Centaurus A in vorher nicht erreichter Genauigkeit abgebildet.
26.07.2021
Ein möglicher neuer Indikator für die Entstehung von Exoplaneten
Ein internationales Team von Astronomen hat als erstes weltweit Isotope in der Atmosphäre eines Exoplaneten nachgewiesen.
26.07.2021
Auf dem Weg zur Supernova – tränenförmiges Sternsystem offenbart sein Schicksal
Astronomen ist die seltene Sichtung zweier Sterne gelungen, die spiralförmig ihrem Ende zusteuern, indem sie die verräterischen Zeichen eines tränenförmigen Sterns bemerkten.
26.07.2021
Quantenteilchen: Gezogen und gequetscht
Seit kurzem ist es im Labor möglich, die Bewegung schwebender Nanoteilchen in den quantenmechanischen Grundzustand zu versetzen.
26.07.2021
Ein Kristall aus Elektronen
Forschenden der ETH Zürich ist die Beobachtung eines Kristalls gelungen, der nur aus Elektronen besteht. Solche Wigner-​Kristalle wurden bereits vor fast neunzig Jahren vorhergesagt, konnten aber erst jetzt direkt in einem Halbleitermaterial beobachtet werden.
26.07.2021
Neue Erkenntnisse zur Entstehung des chaotischen Terrains auf dem Mars
Gebiete wie diese gibt es auf der Erde nicht: Sie sind durchzogen von Kratern, Rissen, Kämmen, Tälern, großen und kleinen eckigen Blöcken.
26.07.2021
Synthese unter Laserlicht
Eine Forschungsgruppe hat neue Methode zur Bildung von protoniertem Wasserstoff entdeckt. Mit starken Laserpulsen erzeugen Physiker des attoworld-Teams am Max-Planck-Instituts für Quantenoptik und der Ludwig-Maximilians-Universität München erstmals protonierten Wasserstoff an Nanooberflächen.
26.07.2021
Materiestraße im All lässt Galaxienhaufen wachsen
Vor einem halben Jahr meldeten Astronomen der Universität Bonn die Entdeckung eines extrem langen intergalaktischen Gasfadens mit dem Röntgenteleskop eROSITA.
26.07.2021
Kosmischer Treffpunkt für Galaxienhaufen
Was treibt Galaxien an, oder führt zu ganzen Ansammlungen von Galaxien – sogenannte Galaxienhaufen? Obwohl kosmologische Modelle und Simulationen diese Strukturen und die Rolle, die sie spielen könnten, vorausgesagt haben, ist die Bestätigung ihrer Existenz durch die Beobachtung mit dem Röntgen-Weltraumteleskop eROSITA ziemlich neu.
28.06.2021
Quantensimulation: Messung von Verschränkung vereinfacht
Forscher haben ein Verfahren entwickelt, mit dem bisher kaum zugängliche Größen in Quantensystemen messbar gemacht werden können.
28.06.2021
Exotische Supraleiter: Das Geheimnis, das keines ist
Wie reproduzierbar sind Messungen in der Festkörperphysik? Ein Forschungsteam analysierte wichtige Messungen neu. Sie fanden heraus: Ein angeblich sensationeller Effekt existiert gar nicht.
28.06.2021
Paradoxe Wellen: Gefangene Lichtteilchen auf dem Sprung
Physikern ist es gelungen, ein neuartiges Verhalten von Lichtwellen zu beobachten, bei welchem Licht durch eine neue Art von Unordnung auf kleinste Raumbereiche begrenzt wird.
28.06.2021
Isolatoren bringen Quantenbits zum Schwitzen
Schwachleitende oder nichtleitende Materialien haben Innsbrucker Physiker als wichtige Quelle für Störungen in Ionenfallen-Quantencomputern identifiziert.
23.06.2021
Fürs Rechenzentrum: bisher kompaktester Quantencomputer
Quantencomputer waren bislang Einzelanfertigungen, die ganze Forschungslabore füllten.
17.06.2021
Helligkeitseinbruch von Beteigeuze
Als der helle, orangefarbene Stern Beteigeuze im Sternbild Orion Ende 2019 und Anfang 2020 merklich dunkler wurde, war die Astronomie-Gemeinschaft verblüfft.
17.06.2021
Das Elektronenkarussell
Die Photoemission ist eine Eigenschaft unter anderem von Metallen, die Elektronen aussenden, wenn sie mit Licht bestrahlt werden.
17.06.2021
Ultrakurze Verzögerung
Trifft Licht auf Materie geht das an deren Elektronen nicht spurlos vorüber.
17.06.2021
Entdeckung der größten Rotationsbewegung im Universum
D
13.06.2021
Die Taktgeber der Sonne
Nicht nur der prägnante 11-Jahres-Zyklus, auch alle weiteren periodischen Aktivitätsschwankungen der Sonne können durch Anziehungskräfte der Planeten getaktet sein.
13.06.2021
Wenn Schwarze Löcher den Weg für die Sternentstehung in Satellitengalaxien freimachen
Eine Kombination von systematischen Beobachtungen mit kosmologischen Simulationen hat gezeigt, dass Schwarze Löcher überraschenderweise bestimmten Galaxien helfen können, neue Sterne zu bilden.
13.06.2021
Flüssiges Wasser auf Monden sternenloser Planeten
Monde sternenloser Planeten können eine Atmosphäre haben und flüssiges Wasser speichern. Münchner Astrophysiker haben berechnet, dass die Wassermenge ausreicht, um Leben auf diesen wandernden Mond-Planeten-Systemen zu ermöglichen und zu erhalten.